Stanley Huxtable, ein rothaariger, untersetzter junger Mann und der Gerichtsreporter der Bamford Gazette, war einigermaßen erfreut über diese Abwechslung. Er berichtete im Auftrag seines Arbeitgebers von allen möglichen Verhandlungen. In der Regel waren es kleine Vergehen, und der Missetäter musste sich vor dem Schiedsgericht verantworten. Bamford war kein kriminelles Pflaster, es sei denn, man zählte die gelegentlichen unbedeutenden Diebstähle und die üblichen Schlägereien und randalierenden Betrunkenen am Zahltag hinzu. Es geschah nicht häufig, dass Stanley die Gelegenheit erhielt, über einen Mordprozess zu berichten und in seiner Eigenschaft als Reporter der Verhandlung in Oxford beizuwohnen. Bei einem Mord konnte man als Journalist so richtig aus sich herausgehen. Für die Bewohner Bamfords war Oakley ein Einheimischer. Sie wollten jedes Detail wissen, und es war Stanleys Aufgabe, diese Details zu liefern. Am Ende jedes Tages jagte er mit Material für die besondere Spätausgabe zurück, die extra herausgegeben wurde, um über den Prozess zu berichten.

Bamford teilte seine Neugier mit der ganzen restlichen Nation. Man musste nur einen Blick auf die – zugegebenermaßen kleine – Pressebox werfen, die bis zum Bersten voll war mit schwitzenden Reportern. Direkt neben Stanley saß der Mann von Reuters und wischte sich mit einem fleckigen Taschentuch die verschwitzte Stirn und den Nacken trocken.

Stanley nahm seinen Bowler ab und legte ihn in den Schoß, dann leckte er die Spitze seines Stifts. Als er noch jung und unerfahren gewesen war in seinem Beruf, hatte er gelernt, jede noch so unbedeutende Kleinigkeit aufzuschreiben.

»Du denkst, du erinnerst dich, mein Junge, aber glaube mir, du vergisst es!«, hatte sein Mentor immer gesagt. Und so hatte Stanley bereits geschrieben: Sehr heiß im Gerichtssaal.

Und es würde wahrscheinlich noch heißer werden. Der Saal war nicht besonders groß. Die Pressebox war eine einzelne Bank an der Wand, abgetrennt durch eine Holzwand und im rechten Winkel zu den übrigen Bänken im Raum. Der Zeugenstand befand sich zu Stanleys Linken. Vor ihm und ein Stück weit rechts, an der gegenüberliegenden Wand und mit den Gesichtern zum Richter, saß die Jury. Hinter der Jury war eine Reihe frei, dann kamen die Anklagebank, das Geländer und dahinter die Bänke für die Öffentlichkeit, die sich rasch mit Menschen füllten. Am Eingang am Ende des Saals herrschte heftiges Gedränge. Eingeklemmt wie Sardinen, notierte Stanley, und es stinkt auch fast genauso.

Endlich hatte das Publikum Platz genommen und hielt den Atem an in Erwartung des dramatischen Augenblicks. Er kam. Wie der Teufel in einem Bühnenstück, der durch eine Falltür auftauchte, erschienen William Oakley und seine Wachen, zuerst die Köpfe, dann die Körper, kamen sie eine schmale Treppe hinauf, die in einen unterirdischen Tunnel zwischen Gefängnis und Gerichtsgebäude führte. Oakley wurde zu seinem Platz auf der Anklagebank geführt, und wer oberhalb von ihm saß, verrenkte sich den Kopf, um ihn zu sehen. Das war der Mann, den zu sehen sie gekommen waren. Das war der Mörder! Die Wachen nahmen ihre Plätze auf der freien Bank ein, wo sie eine steife Masse rotgesichtiger Köpfe unter schweren, viel zu warmen Wolluniformen bildeten.

Rasch wurden die einleitenden Plädoyers vorgetragen. Die Verteidigung plädierte in lautem Ton auf

»Nicht schuldig«, und das Publikum nahm es mit Genugtuung auf. Hätte Oakley sich schuldig bekannt, wäre die gesamte Angelegenheit nach wenigen Minuten vertagt worden, und man hätte alle nach Hause geschickt bis auf den Angeklagten und die Wachen, die ihn durch den unterirdischen Tunnel in das Gefängnis zurück und irgendwann zu seiner Verabredung mit dem Henker gebracht hätten.

Der Anwalt der Krone, Mr. Taylor, groß, dünn und mit einem langen Hals, erhob sich und fasste die Revers seiner Robe mit beiden Händen.

»Und los geht’s!«, murmelte der Mann von Reuters. Der gesamte Gerichtssaal hielt gemeinsam den Atem an.

»Meine Herren Geschworenen«, begann Taylor.

»Wir sind heute hier zusammengekommen, um über ein grauenhaftes Verbrechen zu urteilen, grauenhaft in seiner Planung und Ausführung und durch die Hand des Schicksals noch grauenhafter in seiner Vollendung.«

Guter Start, dachte Stanley und kritzelte eifrig mit. Der alte Knabe ist ein geschickter Redner.

»Der Angeklagte William Oakley«, fuhr Taylor fort,»hat eine reiche Frau geheiratet und während der Dauer der Ehe ihr Vermögen verwaltet sowie ihre Geschäftsinteressen im Auge behalten. Das war sehr bequem für ihn, weil er ein Mann ist, der viel Geld braucht. Er ist ein Spieler, der sich regelmäßig auf den Rennplätzen herumtreibt, und ein Schürzenjäger obendrein! Mrs. Oakley war sehr jung, gerade erst achtzehn Jahre alt, als sie geheiratet hat, und sie war es gewohnt, sich dem Urteil ihres Mannes zu beugen. Doch mit den Jahren fand Mrs. Oakley heraus, dass ihr Mann sie unablässig betrog, und da sie nun eine erwachsene Frau von dreißig Jahren und kein dummes kleines Mädchen mehr war, beschloss sie, etwas dagegen zu unternehmen. Der letzte Tropfen, der das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen brachte, war William Oakleys frische Affäre mit dem Kindermädchen, Daisy Joss. Mrs. Oakley machte ihrem Mann deutlich, dass sie nicht länger bereit war, dies zu dulden. Sie würde nicht nur aufhören, seine ewig neuen Schulden zu bezahlen, sie dachte auch über eine Scheidung ihrer Ehe nach. Das war der Augenblick, in dem William Oakley einen Plan ausbrütete, wie er sich seiner Frau entledigen konnte. Wahrscheinlich kam ihm die Idee während eines Besuchs bei London Chemicals, einer Manufaktur, an der seine Frau Anteile besaß. Arsen, dieses wohl bekannte und überall erhältliche Gift, wurde in der Manufaktur zur Herstellung von Rattengift verwendet. Es war ein Leichtes für Oakley, heimlich und ohne Eintrag in die Giftbücher eine gewisse Menge davon mitzunehmen. Schwieriger war es allerdings, das Gift auf die übliche Weise anzuwenden, nämlich, es in das Essen seiner Frau zu bringen. Oakley hatte keine Veranlassung, in die Küche zu gehen, wo das Essen zubereitet wurde. Sein Auftauchen dort hätte im Gegenteil Verdacht erweckt. Mr. und Mrs. Oakley pflegten gemeinsam zu essen, beide die gleiche Mahlzeit, die von einem der Dienstboten serviert wurde. Doch bei London Chemicals erfuhr er, wie man aus arsenhaltigem Erz Kristalle gewinnt, und außerdem, dass dabei extrem giftige Dämpfe entstehen. William Oakley, Gentleman und Spieler, hatte sein Werkzeug gefunden. Nachdem er unbemerkt eine kleine Menge Arsenerz von London Chemicals gestohlen hatte, musste Oakley nur noch auf eine geeignete Gelegenheit warten. Es dauerte nicht lange. Nach einer schmerzhaften zahnärztlichen Behandlung, in deren Verlauf Mrs. Oakley einen Zahn gezogen bekam, lag Mrs. Oakley krank vor Schmerzen in ihrem Zimmer im Bett. Sie bat ihren Mann, ihr das Laudanum aus der Apotheke in Bamford zu besorgen, das der Arzt ihr verschrieben hatte. Sie wollte es am Abend einnehmen, um müde zu werden und endlich tief und fest und ohne Schmerzen zu schlafen. Oakleys Plan war, dass seine Frau im Schlaf sterben sollte und dass ihr Tod einer anderen Ursache zugeschrieben wurde – nämlich einer Überdosis an Laudanum. Oakleys Plan war wie folgt: Sobald er sich versichert hatte, dass seine Frau unter dem Einfluss des Laudanum tief und fest schlief, würde er in ihr Zimmer schleichen und einen einfachen, aber sehr wirksamen Apparat benutzen, um mithilfe der Wärme von der Nachttischlampe das Arsen zu verdampfen. Anschließend würde er das Zimmer verlassen, nicht ohne sich vorher überzeugt zu haben, dass sämtliche Fenster und Türen geschlossen waren. Seine Absicht war, später zurückzukehren, mit einem Tuch vor Mund und Nase, und die Fenster weit aufzureißen, bis sich der von den Arsendämpfen hervorgerufene Geruch nach Knoblauch wieder verflüchtigt hatte, die Beweise zu beseitigen, den größten Teil des Laudanums wegzuschütten und hernach auf seinem eigenen Zimmer den Morgen abzuwarten. Bis dahin hätte sich der verräterische Geruch verzogen, Mrs. Oakley würde tot in ihrem Bett liegen, und die fehlende Menge Laudanum aus der erst am Vortag gekauften Flasche würde unübersehbar darauf hinweisen, dass sie eine Überdosis des Medikaments genommen hatte und daran gestorben war.« An dieser Stelle hielt Taylor inne und sah die Jury an. Er überprüft ihre Reaktionen!, dachte Stanley. Er hätte sich keine Gedanken wegen der Jury machen müssen. Der gesamte Gerichtssaal hing an jedem seiner Worte.

»Doch die Dinge verliefen nicht nach Plan. Mrs. Oakley hatte nicht so viel Laudanum genommen, dass sie den Knoblauchgeruch nicht mehr bemerkte, der plötzlich ihr Zimmer erfüllte. Oder vielleicht hatte auch ihr Ehemann beim Schließen der Tür ein Geräusch gemacht und sie geweckt, nachdem er seinen Mordapparat in Gang gesetzt hatte. Wie dem auch sei, Mrs. Oakley erwachte, bemerkte, dass etwas sehr Merkwürdiges im Gange war, und wollte das Bett verlassen. Doch die Dämpfe hatten sie bereits zu sehr benebelt, und sie stürzte, wobei sie die Lampe mit sich riss. Das Feuer steckte ihren Schlafrock in Brand, und weil sie bereits zu sehr von den giftigen Dämpfen des Arsens geschwächt war, konnte sie sich nicht mehr helfen. An dieser Stelle geschah erneut etwas, das William Oakley nicht vorhergesehen hatte. Die Haushälterin Mrs. Button traf am Ort des Geschehens ein. Sie kam zu spät, um ihre Herrin zu retten, doch sie bemerkte den Geruch nach Knoblauch, der so typisch ist für den Vorgang, und riss ein Fenster auf, um das Zimmer zu lüften. Hätte sie dies nicht getan, Gentlemen von der Jury, wäre es durchaus möglich, dass auch sie durch das Einatmen der giftigen Dämpfe den Tod gefunden hätte. Sie werden ebenfalls erfahren, dass sie merkwürdige Dinge unter den Trümmern der zerschmetterten Lampe bemerkte, obwohl sie natürlich nicht wissen konnte, was sie zu bedeuten hatten. Wir werden im Verlauf dieser Verhandlung beweisen, dass Mrs. Button die Reste der Apparatur gesehen hat, die ebenfalls zu Bruch ging, als Mrs. Oakley stürzte. Die Gerichtsverhandlung zur Feststellung der Todesursache kam zu dem Schluss, dass Cora Oakley unter dem Einfluss einer Überdosis Laudanum gefallen ist und dabei die Lampe umgestoßen hat. Sie starb an den Folgen der Verbrennungen. Ohne Zweifel wird die Verteidigung darauf hinweisen, dass Mrs. Button zu dieser Zeit den Feststellungen des Coroners nicht widersprochen hat, sondern sich erst später zu Wort meldete, nachdem Mr. Oakley sie aus seinen Diensten entlassen hatte. Mr. Oakley muss es in der Tat gestört haben, tagtäglich mit einer Frau zu tun zu haben, die belastende Beweise für sein Verbrechen gesehen und gerochen hatte. Er mag vermutet haben, dass Mrs. Button der Knoblauchgeruch nicht entgangen war, dass sie die Überreste seiner Teufelsmaschine gesehen hatte und dass sie nun darüber grübelte. Sie machte sich tatsächlich Sorgen, und nachdem sie entlassen war und ihrem ehemaligen Arbeitgeber gegenüber nicht mehr in der Pflicht stand, wandte sie sich an die Eltern von Mrs. Oakley. Sie hatten sich nie mit der Erklärung für den Tod ihrer Tochter zufrieden gegeben und setzten nun die Kette von Ereignissen in Gang, die zur Verhaftung und schließlich zur Erhebung der Anklage gegen Mr. William Oakley führte.« Schlau ausgedacht!, notierte Stanley. Aber du musst es auch beweisen, mein Freund!

KAPITEL 8

RON GLADSTONE stand vor dem baufälligen Steinhaus und saugte die Luft zwischen den Zähnen hindurch. Seine gesamte Haltung drückte tiefe Missbilligung aus.

»Einfach schockierend!«, sagte er laut.

»Und ich wage zu behaupten, dass es im Innern noch schlimmer aussieht.« Das fragliche Gebäude stand bereits länger an dieser Stelle, als sich irgendjemand zu erinnern vermochte. Es stand ganz abgelegen am Rand des Besitzes, verborgen hinter dichtem Gestrüpp und hohen Büschen. Nachdem Ron angefangen hatte, die Gärten von Fourways House zu hegen und zu pflegen, hatte es eine Weile gedauert, bis er das Gebilde überhaupt entdeckt hatte. Baufällig und überwuchert, wie es war, hatte er zu Anfang keinen Grund gesehen, etwas daran zu machen. Er hatte es auf seiner Liste der Prioritäten für den Garten ganz unten eingetragen, und so hatte er erst heute den Entschluss gefasst, die Aufgabe in Angriff zu nehmen. Die massiven Mauern aus Steinquadern hatten den Auswirkungen der Zeit einigermaßen widerstanden, doch das Wellblechdach war verrostet, verbogen und in der Mitte eingestürzt. Durch das Loch war jahrelang Regen in das Gebäude eingedrungen. Ron war nicht weiter überrascht, als er feststellte, dass sämtliches Holz verrottet war. Sein Schraubenzieher sank in das Material wie in weichen Käse, während er Fenster und Türrahmen prüfte. Nicht so jedoch bei der Tür.

»Verdammt! Ein feines Stück Handwerkskunst!«, sagte er.

»Aber verkeilt.« Und so war es auch. Die Tür saß nicht länger richtig in ihrem Rahmen. Sie wurde zwar auf der einen Seite noch von rostigen Angeln gehalten, doch ihr eigenes Gewicht hatte im Lauf der Jahre dazu geführt, dass sie sich verzogen hatte und nun auf der Seite der Klinke fest auf dem Boden saß. Sie war mit einem Riegel und einem Vorhängeschloss gesichert, und um dieses Hindernis zu überwinden, hatte Ron den Schraubenzieher mitgebracht. Er machte sich daran, die alten, verwitterten Beschläge zu bearbeiten. Die Schrauben saßen überraschend fest, doch am Ende bekam er sie zu packen, und es gelang ihm, den gesamten Riegel abzuhebeln. Nachdem er das Vorhängeschloss auf diese Weise umgangen hatte, wandte er sich den Angeln zu und ölte sie. Schließlich packte er die Türklinke mit beiden Händen und zerrte daran. Er benötigte mehrere Minuten und riskierte Splitter in den Fingern, bevor sich das Öl in das rostige Material gearbeitet hatte und die Angeln ächzend freikamen. Endlich konnte er die Tür weit genug aufziehen, um sich daran vorbei ins Innere zu quetschen.

»Puh!«, murmelte er und zog ein Taschentuch hervor, um sich die Stirn abzuwischen.

»Ich frage mich, wann die zum letzten Mal geöffnet worden ist.« Er schob sich durch die Lücke. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis er sich an das Halbdunkel gewöhnt hatte. Die Luft roch schal und feucht, nach Erde und Verwesung. Entlang einer Wand erkannte er Fenster. Sie waren mit Spinnweben verhangen, die so groß und dicht waren, dass sie aussahen wie schwere Spitzenvorhänge. Die gesprungenen und geborstenen Scheiben waren schmutzverkrustet. Das Gestrüpp draußen drückte gegen das Glas und streckte dünne Zweige durch Spalten und Risse, um das Innere des Schuppens auf diese Weise langsam zu erobern. Als Resultat kam so gut wie kein Tageslicht durch die Fenster ins Innere. Die hauptsächliche Lichtquelle war das Loch im Dach. Und dieses Licht enthüllte zu Rons Staunen eine wahre Zeitkapsel aus antiken Gartengerätschaften, allesamt bedeckt mit einer dicken Staubschicht und weiteren Spinnweben. Der Boden bestand aus gestampftem Erdboden, der sich im Zentrum, unter dem Loch im Dach, in Schlamm verwandelt hatte. Überall entlang den Wänden und in den Ecken standen oder lehnten Utensilien. Unterhalb der Fenster befand sich eine lange Bank mit zerbrochenen Tontöpfen, Saatschalen, vergilbten Samenpäckchen und vertrockneten Resten von Pflanzenmaterial. Eine Sammlung von etwas, das beim ersten Aussehen an kleine, glatte Kiesel erinnerte, stellte sich bei näherer Betrachtung als die vertrockneten Reste von dicken, grünen Bohnenkernen heraus. Ron nahm einen der Blumentöpfe in die Hand, und ein Strom Erde, vertrocknet und zu feinstem Staub zerfallen, rieselte aus dem Loch im Boden. Ron fühlte sich, als hätte er ein Grab geöffnet. Doch im Gegensatz zu Howard Carter blickte er nicht auf einen gewaltigen Schatz der wunderbarsten Dinge, sondern auf nichts als Plunder.

»War offensichtlich ein Pflanzschuppen«, sagte er laut zu sich selbst. Er drehte sich um. An der Rückwand stand eine außergewöhnliche mechanische Apparatur, vollkommen verrostet, eine Mischung zwischen einem offenen Einspänner und einer Rasenwalze, und er erkannte, dass es genau das war – eine Rasenwalze, die dazu gedacht war, von einem Pony gezogen zu werden.

»Das würde einem Museum gefallen«, sagte er sich. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Regale an den Wänden, voll gestellt mit Dosen, Gläsern, Päckchen, alles verrostet, verstaubt, dreckig, farblos. Die meisten Etiketten waren unleserlich. Ron kratzte sich am Kinn. Es konnte gefährlich werden, diesen Plunder zu entsorgen, wenn man nicht genau wusste, was es war. Man konnte einen Haufen alter Unkrautvernichter und Düngemittel nicht einfach auf der Müllkippe abladen und das Zeug in den Boden sickern lassen. Die Behörden waren ziemlich empfindlich, was diese Dinge anging. Wahrscheinlich musste er sich sogar an die Behörden wenden, um dieses ganze Zeug zu entsorgen. Er würde sich mit Miss Oakley unterhalten müssen. Auf eine Weise, die Jane Austen sicherlich wiedererkannt hätte, dachte er von Damaris stets als Miss Oakley und von ihrer jüngeren Schwester als Miss Florence.

»Vielleicht keine schlechte Idee, wenn wir mal nachsehen, was wir hier alles haben«, murmelte er vor sich hin. Er griff nach oben und nahm ein Paket herunter, öffnete die Klappen und schnüffelte misstrauisch, bevor er mit dem Finger hineingriff. Kaliumpermanganatkristalle. Früher hatte man eine Lösung daraus hergestellt und damit gedüngt. Ron erinnerte sich dunkel an seine Kindheit, an die vielen Eimer mit lilafarbener Flüssigkeit, und wie sein Vater ihn beauftragt hatte, damit die Tomaten zu gießen und ihn zugleich zur Vorsicht gemahnt hatte. Und dies hier? Knochenmehl, festgebacken zu einem harten Kuchen. Noch mehr Kristalle. Getrocknetes Blut vielleicht. Als er das letzte Paket herunternehmen wollte, entdeckte er dahinter eine dunkle Flasche ganz hinten auf dem Regal. Er nahm sie ebenfalls herunter. Das Etikett hatte, geschützt durch die Kartons ringsum, die Zeit besser überstanden als die meisten anderen. Ron trug die Flasche zum Licht, in die Mitte des Raums, wischte den Staub von den gläsernen Schultern und vom Deckel, setzte seine Lesebrille auf und starrte auf die Beschriftung.

»Ach du heiliger …!« Er verstummte ehrfürchtig. In diesem Augenblick vernahm er sich nähernde Schritte. Jemand kam rasch und zielstrebig über das Gras herbeimarschiert. Keine der beiden Oakley-Ladys, so viel war sicher. Wer zum Teufel …? Hastig stellte Ron die Flasche auf das Regal zurück und eilte zur Tür. Er steckte den Kopf nach draußen und bekam, wie er es später nannte, einen heftigen Schrecken. Ein junger Mann war draußen eingetroffen, und Ron hatte nicht die geringste Idee, wer es war, woher er kam oder was er hier zu suchen hatte. Er war, wie Ron es beschrieb, nachlässig gekleidet, womit Ron Jeans und eines jener Oberteile meinte, die aussahen wie bunte Unterhemden mit kurzen Ärmeln und die unerklärlicherweise als Hemdenersatz getragen wurden. Ron fühlte sich sofort an seinen Spaniel erinnert, an seinen alten, längst toten Hund. Es hatte wohl mit den großen dunklen Augen und dem treuen Gesichtsausdruck zu tun, ängstlich darauf bedacht zu gefallen. Nichtsdestotrotz war Ron höchst misstrauisch. Vielleicht war es ein Einbrecher, der die Gegend auskundschaftete. Ron war ein Liebhaber, was die polizeilichen Verfahren in der Kriminalschriftstellerei anging. Außerdem war Ron fest davon überzeugt, dass jeder männliche Bürger zwischen sechzehn und vierzig, der ohne offensichtlichen Grund durch die Gegend spazierte, nichts Gutes im Schilde führte. Mehr noch, dieser junge Mann sah trotz seines harmlosen Gesichtsausdrucks entschieden nach einem Rowdy aus. Ron trat vollends aus dem alten Schuppen und bereitete sich darauf vor, den Eindringling zu vertreiben.

»Suchen Sie jemanden?«, fragte er mit gefährlicher Freundlichkeit.

»Nein, ich sehe mir nur die Gärten an.« Er sprach mit ausländischem Akzent. Ron hätte sich etwas in der Art denken können – wahrscheinlich irgendein blöder Tourist, der einfach auf das Grundstück spaziert war.

»Das ist Privatbesitz!«, bellte er.

»Ich weiß.« Der junge Mann steckte die Hände in die Taschen und musterte Ron von oben bis unten. Das Bild des alten Spaniels verblasste. Ron hatte das Gefühl, dass die vorherige Unsicherheit des Burschen daher gerührt hatte, dass er nicht wusste, wer in dem Pflanzschuppen war. Nachdem er Ron erblickt hatte, war er offensichtlich zu dem Schluss gekommen, dass dieser keine Gefahr darstellte. Und darin irrst du dich gewaltig, mein Sohn!, dachte Ron.

»Sind Sie der Gärtner?« Die Frage kam mit einer lässigen Beiläufigkeit, ja einer Spur von Herablassung, jedenfalls meinte Ron das zu hören. Seine Nackenhaare richteten sich auf.

»Ich halte die Gärten für Miss Oakley und ihre Schwester in Ordnung, ja. Vollkommen freiwillig, verstehen Sie? Ich helfe den beiden alten Damen, mehr nicht.«

»Aha?« Der junge Mann schien seine Haltung zu überdenken. Seine Herablassung schwand, und er wurde ein wenig freundlicher.

»Ich bin ein Verwandter der beiden und zu Besuch hier. Mein Name ist Jan Oakley.«

»Und ich bin Cary Grant!«, sagte Ron sarkastisch.

»Erfreut Sie kennen zu lernen, Mr. Grant.« Der junge Mann streckte Ron die Hand hin.

»Gladstone«, schnarrte Ron.

»Mein Name ist Gladstone.« Der junge Mann sah ihn misstrauisch an, als hätte er es mit jemandem zu tun, der so senil war, dass er den eigenen Namen nicht mehr wusste. Er zog seine Hand zurück.

»Miss Oakley hat mir nichts davon gesagt, dass sie Besucher erwartet«, fuhr Ron herausfordernd fort.

»Nur einen Besucher. Mich. Warum sollte sie Ihnen davon erzählen?« Der dunkle Blick war nun unverhohlen herablassend. Obwohl die Frage nicht gerade höflich klang, musste Ron einräumen, dass sie nicht unberechtigt war. Warum hätten die Oakleys ihm erzählen sollen, dass sie Besuch erwarteten?

»Was machen Sie in diesem Schuppen?«, fragte Jan Oakley. Rons Nackenhaare richteten sich erneut auf. Kleiner frecher Mistkerl, dachte er. Ich würde dir gerne eins überziehen. Was glaubst du denn, was ich hier drin mache? Schwarzbrennen? Selbstverständlich konnte er den Eindringling nicht körperlich angreifen. Der andere war jung und wahrscheinlich stärker als er. Wie um seine Verachtung für den Gegner zu demonstrieren, war der Fremde an ihm vorbeigetreten und steckte nun den Kopf durch die offene Tür, während er sich zur gleichen Zeit mit der erhobenen Hand am Rahmen abstützte, wie um sein Besitzrecht zu demonstrieren.

»Es ist sehr unaufgeräumt da drin. Ist das Ihr Schuppen?«

»Nein, das ist er verdammt noch mal nicht!«, schnappte Ron.

»Ich hätte bestimmt nicht zugelassen, dass er derart herunterkommt!« Er kämpfte um seine Selbstbeherrschung.

»Ich habe ihn inspiziert. Ich war noch nie vorher hier; ich musste das Schloss mit dem Schraubenzieher entfernen.« Er deutete auf seinen Schraubenzieher und den Riegel mit dem rostigen Vorhängeschloss.

»Ich dachte, dass der Schuppen vielleicht zum Lagern für Gartengeräte benutzt wurde, und das ist der Fall. Er muss leer geräumt werden, nun, da die Ladys verkaufen werden.« Er spürte einen Anflug von Traurigkeit bei dem Gedanken daran, dass er nun keine Gelegenheit mehr haben würde, den alten Pflanzschuppen zu renovieren und in Gebrauch zu nehmen. Der junge Mann, mit dem Kopf noch immer in der Tür, schien zu erstarren. Er zog den Kopf zurück, ließ den Türrahmen los und wandte sich langsam zu Ron um.

»Verkaufen?«, fragte er misstrauisch.

»Was verkaufen?«

»Das Haus natürlich«, antwortete Ron und fügte mit neu erwachtem Misstrauen hinzu:

»Aber ich dachte, das wüssten Sie, da Sie doch zur Familie gehören, wie Sie sagen.«

»Ich gehöre zur Familie!« Die Stimme und das Verhalten des jungen Mannes waren mit einem Mal so aggressiv, dass Ron einen Schritt zurückwich. Dann fing der andere sich wieder.

»Ich wusste allerdings nicht, dass das Haus verkauft werden sollte. Danke sehr, Mr. Gladstone, für diese Information. Es beeinflusst das, was ich meinen Cousinen zu sagen habe, den Grund meines Besuchs. Ich muss sofort zu ihnen und mit ihnen reden.« Er wandte sich ab und eilte rasch davon. Ron sah ihm hinterher. Als der Fremde verschwunden war, wandte er sich zu dem Schuppen um und stieß einen Seufzer aus. Wenn man erst einmal gestört worden war, konnte man nicht gleich wieder zurück an die Arbeit, das war eine Tatsache. Und es steckte noch mehr dahinter. Die Begegnung hatte Ron zutiefst unzufrieden gemacht. Zum ersten Mal, seit er nach Fourways House gekommen war, empfand Ron keine Befriedigung mehr angesichts der gärtnerischen Arbeiten, die er bisher so zufrieden ausgeführt hatte. Der heruntergekommene Pflanzschuppen, der eben noch eine Herausforderung für Ron dargestellt hatte, war zu einer ermüdenden, schmutzigen Arbeit geworden. Er würde den Schuppen an einem anderen Tag aufräumen. Er schob die Tür wieder an ihren Platz, doch ihm fehlte die Energie, den rostigen Riegel anzuschrauben. Er nahm ihn zusammen mit seinem Schraubenzieher vom Boden auf und ging auf dem gleichen Weg davon wie zuvor der fremde Besucher. Er hatte das Gefühl, dass es besser war, wenn er sich heute eine Arbeit in der Nähe des Hauses suchte, um die Dinge im Auge zu behalten. Ron erkannte einen unsauberen Kunden auf fünfzig Schritt Entfernung, und dieser Jan Oakley – falls er tatsächlich so hieß – war ein verdammt unsauberer Kunde, wenn Ron je einen gesehen hatte.

Juliet Painter kehrte spät an jenem Abend in ihre Londoner Wohnung zurück. Es war ein ermüdender, erfolgloser Tag gewesen. Ihr neuester Klient war ein texanischer Ölbaron, ein Multimillionär, der beschlossen hatte, ein englisches Landgut zu erwerben mit der Möglichkeit zu jagen, zu angeln und Veranstaltungen seiner Firma durchzuführen. Sie war den ganzen Weg bis nach Yorkshire hinaufgefahren, um einen geeigneten Besitz in Augenschein zu nehmen, nur um zu ihrer Bestürzung festzustellen, dass der gegenwärtige Besitzer im Streit mit irgendeinem Wanderclub lag und der Zugang zum Grundstück durch Demonstranten verwehrt wurde.

Schulter an Schulter standen sie dort, gekleidet in bunte Anoraks, Kapuzenjacken, Faröerpullover, Parkas und schwere Stiefel. Sie hielten Transparente hoch, auf denen sie ihr Recht auf freies Umherstreifen proklamierten, und dazu sangen sie nicht besonders wohltönend:

»Wir lassen uns nicht vertreiben!«

Als Juliet vor der Menge ankam und das Fenster herunterließ, brandete die Menge bedrohlich heran. Eine stämmige Frau in Kordhosen beugte sich zu Juliets Fenster herab und bellte:

»Zugang für alle!« Sie hatte einen Terrier an der Leine bei sich, der sich nun mit den Vorderpfoten gegen die Wagentür stemmte und Juliet anbellte.

»Ja«, sagte Juliet.

»Ich bin ganz Ihrer Meinung. Darf ich nun durch?« Die Frau zog sich einen Schritt zurück und blickte Juliet überrascht an. Die Frage hatte sie offensichtlich aus dem Konzept gebracht. Sie studierte die junge Frau im Wagen, schätzte ihre frische Gesichtsfarbe, den geflochtenen Zopf und die runde Brille ab.

»Gehören Sie zur Familie?«, fragte sie dann wie ein Zeremonienmeister bei einer Hochzeit.

»Nein«, antwortete Juliet.

»Nicht verwandt und nicht verschwägert.« Ein bärtiger Mann mit besorgtem Stirnrunzeln berührte die Frau am Arm.

»Friedlicher Protest, Mrs. Smedley, mehr nicht«, ermahnte er sie. Sie schüttelte ihn ab.

»Ich bin friedlich!«, schnappte sie. Der Terrier kläffte.

»Sie können selbstverständlich passieren«, sagte der bärtige Mann zu Juliet über Mrs. Smedleys breite Schulter hinweg.

»Wir wollen nur unsere Rechte, mehr nicht.«

»Meinetwegen«, sagte Juliet.

»Ich will nur meine.« Die Menge war verstummt. Plötzlich stürzte ein junger Mann nach vorn. Er trug eine Brille ähnlich der von Juliet und drückte ihr eine Hand voll Flugblätter durch das offene Fenster in die Hand.

»Danke sehr«, sagte Juliet und legte sie auf den Beifahrersitz. Und als wäre dies der Zweck der ganzen Übung gewesen, fiel die Menge nun zurück und teilte sich wie das Rote Meer, um Juliet die Durchfahrt zu ermöglichen. Sie drückte auf den Knopf für die Seitenscheibe, nur um sicherzugehen, und rollte an den Demonstranten vorbei. Hinter ihr schloss sich die Mauer, und als sie vor dem Haus angekommen war und den Motor abgestellt hatte, um aus dem Wagen zu steigen, hörte sie erneut den misstönenden Sprechgesang, durchsetzt von schrillem Hundegebell. Ihre Ankunft war im Innern des Hauses nicht unbemerkt geblieben. Die Vordertür wurde einen Spaltbreit geöffnet. Juliet trat näher, und die Tür wurde weiter geöffnet, gerade weit genug, dass sie sich durch den Spalt drücken konnte, was sie denn auch tat. Hinter ihr wurde die Tür sofort wieder geschlossen, und sie sah sich einem wütenden alten Mann gegenüber. Unsicher, ob er der Besitzer oder eine Art Butler war, zögerte sie zunächst und löste das Problem dann dadurch, dass sie sich vorstellte.

»Mein Name ist Juliet Painter. Ich habe Sie angeschrieben.«

»Sie werden erwartet, Miss«, sagte der Butler (als der er sich erwies).

»Wenn Sie bitte so freundlich wären und mir folgen würden?« Er führte sie durch ein Labyrinth kühler Korridore und über eine Treppe zu seinem Arbeitgeber, der hinter einem Vorhang im ersten Stock stand und mit einem Ausdruck auf das Geschehen vor seinem Tor starrte, als würde ihn jeden Augenblick der Schlag treffen.

»Sie haben sich einen sehr unpassenden Tag für Ihr Kommen ausgesucht«, begrüßte er Juliet.

»Sehen Sie sich das an! Es ist wie bei der verdammten Französischen Revolution! Horden von Pöbel, der in weinerlichem Ton seine Rechte verlangt!« Er starrte Juliet aus blutunterlaufenen Augen an.

»Und was ist mit meinen verdammten Rechten, eh? Was ist mit meinen Rechten?« Er rang schwer atmend nach Luft, bevor er hinzufügte:

»Möchten Sie, dass ich Ihnen jetzt das Haus zeige?« Juliet war nicht sicher, ob sie es wollte. Allerdings war sie nun schon bis hierher gefahren und hatte den Mob von sans culottes draußen vor dem Tor gemeistert, und so konnte sie genauso gut bleiben und das Haus besichtigen, auch wenn sie inzwischen eine ziemlich genaue Vorstellung von dem hatte, was sie vorfinden würde. Wie erwartet, war das Haus ein Mausoleum aus edwardianischem Mobiliar und grässlichen Jagdtrophäen. Hirschgeweihe reihten sich an den Wänden der Korridore, und eine mottenzerfressene Sammlung ausgestopfter Vögel und kleiner Säugetiere starrte sie aus gläsernen Knopfaugen an, als sie vorbeikam. Porträts von hochnäsig dreinblickenden Ahnen hingen an rauchgeschwärzten Wänden, und obwohl es ein milder Tag im Frühsommer war, herrschte in jedem Winkel des Hauses eine Eiseskälte. Nach der Inspektionstour wurde sie zu einem Mittagessen eingeladen, das der immer noch wütend dreinblickende Butler servierte, unter den bohrenden Blicken bärtiger Gesichter, die an den Fenstern erschienen. Es war keine besondere Mahlzeit; klumpige, grüne Gemüsesuppe, Scheiben harten, alten Brotes und ein Stück Käse, das so vertrocknet und von Rissen durchsetzt war, dass es Juliet an eine Felsformation aus der Eiszeit erinnerte. Juliet vermutete, dass der ältliche Butler zugleich der Koch war. Der Wein andererseits war ganz ausgezeichnet und kam aus einer verstaubten Flasche, die bei einer Auktion sicherlich einen hohen Preis erzielt hätte. Obwohl Juliet normalerweise mittags keinen Alkohol trank, ganz besonders nicht, wenn sie geschäftlich unterwegs war, ließ sie sich zu einem zweiten Glas hinreißen. Teilweise, weil man nicht ablehnend die Nase rümpfte, wenn man einen alten Wein serviert bekam, und teilweise, weil sie spürte, dass ihr am Nachmittag noch einiges bevorstand und sie sich Mut antrinken wollte. Nach dem Essen gingen sie nach draußen, um das Grundstück zu besichtigen. Juliet litt inzwischen unter heftigen Verdauungsbeschwerden vom Käse, der auf eine Weise immer wieder Erinnerungen an seine Anwesenheit in ihrem Magen nach oben steigen ließ, die sie verlegen machte – doch ihr Gastgeber schien nichts davon zu bemerken. Seine Aufmerksamkeit war allerdings auch abgelenkt. Überall entlang dem Weg wurden sie von Wollmützen tragenden Personen beiderlei und gelegentlich unbestimmbaren Geschlechts belästigt, die hinter Mauern, Büschen und aus Gräben hervorkamen … nur aus dem Himmel fielen sie nicht. Sie schwenkten immer noch Transparente und streckten Juliet und dem Eigentümer alte Karten hin, die ihrer Meinung nach bewiesen, dass ein Wegerecht existierte. Sie waren ernsthaft bemüht, Juliet und den Eigentümer in ein Gespräch zu verwickeln. Schließlich wollten sie nichts weiter, sagten sie, als das Recht, das Grundstück zu durchqueren. Wie es aussah, war Juliets Recht auf Inspektion und Besichtigung ernstlich beschnitten. Trotzdem war sie froh, Zeugin der aktuellen Probleme geworden zu sein. Es machte ihr die Entscheidung einfach. Dieser Besitz war nicht geeignet für ihren Klienten. Wegerechte, das hatte sie bereits früher festgestellt, verursachten eine Menge Ärger und Scherereien. Millionäre schätzten nichts höher als ihre Privatsphäre. Und sie waren verständlicherweise besorgt um ihre Sicherheit. Der texanische Ölbaron würde ganz sicher nicht wollen, dass seine Grenze von anoraktragenden, gestiefelten Frischluftfanatikern überschritten wurde. Genauso wenig, wie er beobachten wollte, wie sie vor seinen Toren demonstrierten, während er sich bemühte, hochrangige Gäste zu unterhalten. Auch die Möglichkeit zur Jagd war fraglich, weil die Vögel auf diesem Grundstück keine Ruhe hatten. Juliet strich den Besitz aus der Liste möglicher Objekte.

»Tut mir Leid«, sagte sie zu dem gegenwärtigen Eigentümer, der voll schwelender Wut neben ihr stand.

»Ich werde meinen Klienten über diese Probleme in Kenntnis setzen müssen. Ich kann Ihnen allerdings jetzt schon sagen, dass er nicht sehr …«

»Ich weiß!«, unterbrach sie der Eigentümer bedrückt.

»Ich kann es Ihrem Klienten nicht einmal verdenken!« Er wandte sich ab, um wieder aus dem Fenster auf seine Ländereien zu starren, auf die Hochmoore und die vereinzelten bunten Punkte, die das triumphierende Vorrücken der Demonstranten markierten:

»Wissen Sie was?«, fügte er sehnsüchtig hinzu.

»Am liebsten würde ich diese Leute einfach erschießen!«

Auf dem Rückweg nach London dachte Juliet voller Mitgefühl an den geplagten Besitzer. Auch wenn sie nicht ohne Verständnis für die Bedürfnisse der Wanderer war und es vollkommen ablehnte, Vögel ungestört brüten zu lassen, nur um sie nach dem Flüggewerden zu schießen, so ärgerte auch sie sich über die Demonstranten. Sie waren die Ursache für einen vollkommen verschwendeten Tag. Der Texaner hatte außer Frage nicht das geringste Interesse daran, ein Grundstück mit einem schwelenden Streit über ein Wegerecht zu erwerben. Es lag nicht daran, dass er seine Anwälte nicht damit beauftragen und eine Entscheidung zu seinen Gunsten hätte erwirken können, doch das würde in der gesamten Gegend dazu führen, dass er gleich von Anfang an unbeliebt war, und so etwas sollte man nach Möglichkeit immer vermeiden.

Trotzdem, dachte Juliet, der gegenwärtige Besitzer war ein armer, geplagter Bursche. Ganz allein in diesem großen, düsteren Haus. Wahrscheinlich hat er nicht einmal eine Familie, die dort einziehen würde. Und wahrscheinlich konnte er sich auch kein Personal leisten, selbst wenn er Personal gefunden hätte. Der merkwürdige Butler war alles, was ihm geblieben war, und die beiden wurden in der ungemütlichen Kälte zusammen alt. Die Erbschaftssteuer wartete bereits, und das Haus musste nach seinem Tod wahrscheinlich verkauft werden. Kein Wunder, dass er es lieber bereits zu Lebzeiten abstieß und noch einen Teil des Geldes ausgab, bevor das Finanzamt die Steuer kassierte. Er könnte in ein komfortables Cottage ziehen. Er ist in der gleichen Situation wie Damaris und Florence, dachte Juliet, in genau der gleichen Situation, nur dass Fourways House ein viel kleinerer Besitz ist und nicht von vielen Morgen Moorlandschaft umgeben. Gott sei Dank haben die Oakleys keine Probleme mit ihren Mitmenschen und keine Wanderer, die ihre Verkaufsbemühungen torpedieren!

Es war bereits spät, als sie nach Hause kam, und als Erstes ließ sie sich ein heißes, entspannendes Bad ein. Danach bereitete sie ihr Abendessen. Nach diesem grässlichen Mittagessen benötigte sie eine anständige Mahlzeit. Es ging bereits auf elf Uhr zu, und sie stand im Begriff, sich zum Schlafen hinzulegen, als ihr der Anrufbeantworter einfiel, den sie an diesem Morgen eingeschaltet hatte. Besser, wenn sie noch einmal nachsah, ob jemand eine Nachricht für sie hinterlassen hatte.

Es gab drei. Die beiden ersten waren Routine. Der dritte jedoch vertrieb innerhalb einer Sekunde jeden Gedanken an Schlaf aus Juliets Kopf.

Eine zitternde Stimme, erfüllt von Angst und Entsetzen, die sie kaum als die von Damaris Oakley erkannte.

»Juliet …?«, fragte sie.

»Bitte gehen Sie ran, wenn Sie da sind. Ich komme nicht richtig zurecht mit diesen Maschinen. Oh, Sie sind also nicht zu Hause … Bitte setzen Sie sich mit uns in Verbindung, sobald Sie können … Wir benötigen Ihren Rat. Es ist etwas Furchtbares passiert!«

KAPITEL 9

INSPECTOR JONATHAN Wood hatte einen langen Tag bei Gericht hinter sich und ging nach Hause. Er fühlte sich müde, nicht nur wegen der hinter ihm liegenden Anstrengung, sondern auch, weil er sich denken konnte, was die vor ihm liegenden Tage brachten. Er rechnete nicht damit, dass er noch einmal in den Zeugenstand gerufen wurde, das war es nicht. Sein Teil war vorüber, seine Rolle ausgespielt. Er würde seiner täglichen Arbeit in Bamford nachgehen und nach außen hin beschäftigt sein, während er sich insgeheim fragte, wie es in jenem Gerichtssaal in Oxford weiterging. Er würde es herausfinden wie jeder andere auch. Eines Abends würde er auf dem Nachhauseweg eine Bamford Gazette kaufen, und dort stand es zu lesen. Der Urteilsspruch – schuldig oder nicht schuldig. Wenn er vernünftig war, schlug er sich die Sache bis dahin aus dem Kopf. Doch Vernunft und Emotion sind zwei alte Feinde.

Normalerweise gestattete er sich nicht, eine Gerichtsverhandlung zu verfolgen, weil ihn das nichts anging. Seine Aufgabe war es, den Übeltäter dingfest zu machen und an die Justiz auszuliefern. Was die Justiz anschließend mit ihm machte, war ihre Sache.

Doch in diesem Fall konnte Wood sich den Luxus nicht erlauben, sich zurückzulehnen und zu beglückwünschen, weil er seinen Teil getan hatte. In diesem Fall hatte er die sich bietende Gelegenheit genutzt, weitere Ermittlungen zu einem Todesfall anzustellen, bei dem er von Anfang an das Gefühl gehabt hatte, dass alles viel zu glatt gelaufen war angesichts Oakleys weiterer Umstände. Eine zweite Chance. Kein Wunder, dass Wood sie mit beiden Händen ergriffen hatte.

Und nun fragte er sich voll aufkeimender Selbstkritik, ob er vielleicht besessen war, ob er sich selbst eingeredet hatte, dass Oakley schuldig sein musste, und ob er seiner persönlichen Abneigung gegen den Mann gestattet hatte, die nüchterne Bewertung der Fakten zu verfärben.

Falls es so war und Wood sich getäuscht hatte, so bedeutete dies einen schwarzen Fleck auf seiner ansonsten makellos weißen Weste, der sich nicht ohne weiteres wieder ausradieren ließ. Das Innenministerium, so wusste er, würde weiter unglücklich über die ganze Angelegenheit sein. Wenigstens hatten sie das Glück, in Taylor einen tüchtigen Anwalt für die Anklagevertretung gefunden zu haben. Taylor, der Wood mit seiner schlaksigen Gestalt und dem langen Hals an einen Fischreiher erinnerte, welcher seelenruhig zwischen dem Schilf und den Steinen darauf wartete, dass irgendwo vor ihm etwas verräterisch Silbernes aufblitzte.

Bisher war das Verfahren sehr ausgeglichen. Wood hatte sich im Gerichtssaal aufgehalten, um sich die weiteren Zeugenaussagen nach seinem eigenen kurzen Auftritt anzuhören. Die Jury hatte erfahren, dass der exhumierte Leichnam von Cora Oakley tatsächlich Spuren von Arsen enthalten hatte. Allerdings hatte sie auch erfahren, genau wie Sir Herbert befürchtet hatte, dass man auch anderswo auf dem Gelände des Friedhofs Arsen gefunden hatte und dass es nicht unmöglich war, dass die sterblichen Überreste Cora Oakleys durch die gleiche Quelle kontaminiert worden waren.

Der Geschäftsführer von London Chemicals war ein interessanter Bursche gewesen, der offensichtlich genau wusste, auf welcher Seite des Brotes die Butter war. Seine Aussage war ein Bilderbuchbeispiel für jemanden, der keine Partei ergreifen wollte. Ja, er erinnerte sich an Mr. Oakleys Besuch. Ja, Mr. Oakley hatte eine Menge Fragen bezüglich der Verarbeitung von Arsenerz gestellt. Mr. Oakley war ein Gentleman, der sich stets sehr für das interessiert hatte, was in der Manufaktur vorging. Es war für den Geschäftsführer eine entscheidende Erleichterung, dass er mit jemandem zu tun hatte, der Bescheid wusste. Bei London Chemicals war man immer erfreut, Mr. Oakley zu sehen. Ob genaue Aufzeichnungen über die gelagerte Menge Erz geführt wurden? Ja, selbstverständlich wurden Aufzeichnungen geführt. Ah, nun ja, es kam darauf an, wie groß die verschwundene Menge war. Eine sehr kleine Menge würde nicht auffallen. Es wäre schwierig, dies nach so vielen Monaten zu überprüfen, wenn nicht gar unmöglich, genau wie er der Polizei bereits gesagt hatte.

Und dann war da noch Mrs. Martha Button. Lieber Gott, lass Martha Button bei ihrer Geschichte bleiben …

Als die Hauptzeugin der Anklage in den Zeugenstand gerufen wurde, Mrs. Martha Button, erreichte die Hitze im Saal neue Rekorde, das lässt sich mit Fug und Recht behaupten. Fast hätte man sich bei einem wichtigen Sportereignis wähnen können … Stanley Huxtable starrte aus verkniffenen Augen die Frau an, die ihre Massen in den engen Sitz des Zeugenstands quetschte. Zu der obigen Notiz fügte er hinzu: Martha Button ist eine stämmige Person von sicher achtzig Kilo. Sie ist schicklich in Braun gekleidet. Ihre Haare sind ein wenig eigenartig. Wahrscheinlich mit Henna gefärbt, oder sie trägt eine Perücke.

Er hob den Blick und sah zu dem attraktiven Angeklagten, der ihm das Profil zuwandte. Die Wochen in der Zelle, während er auf seine Verhandlung gewartet hatte, schienen seinem körperlichen Wohlergehen nicht geschadet zu haben, bis auf die Tatsache, dass er ein wenig blasser geworden war. Wahrscheinlich hatte er sein Essen aus der eigenen Tasche bezahlt, und es war aus einer nahe gelegenen Garküche gebracht worden. Der Mann wirkte reglos. Er starrte die Zeugin an, als wäre sie nicht mehr als eine kleine graue Maus, die irgendwie ihren Weg aus den Zellen unten in den Gerichtssaal gefunden hatte und nun voller Angst vor der geschlossenen Tür kauerte, die zurück in den Tunnel und die Sicherheit führte.

Dachte Oakley daran, dass er am Ende dieses Tages durch den gleichen Tunnel zurück in seine Zelle geführt werden würde? Was war ihm durch den Kopf gegangen, als er heute die kurze Distanz vom Gefängnis bis hierher gelaufen war? Hatte er Angst empfunden? Nicht wie es schien vor irgendetwas von dem, was Martha Button zu sagen hatte. Was denn, war er etwa zuversichtlich? Warum? Die Justiz ist bekanntermaßen blind. Oder vertraute er auf sein reines Gewissen? Oder darauf, dass seine eigene Kühnheit ihm den schuldigen Hals vor der Schlinge rettete?

Wie dem auch war, er hatte Eindruck bei den Zuschauern gemacht, ohne Zweifel, besonders auf die anwesenden Angehörigen des weiblichen Geschlechts. Stanleys Blick glitt zu Inspector Wood, der vorher im Zeugenstand gewesen war. Wood starrte die Zeugin finster an. Er macht sich Sorgen, dachte Stanley, während er mit seinem Stift auf den Notizblock trommelte. Er ist auf ihre Aussage angewiesen.

Die Zeugin sprach den Eid mit nervöser, jedoch klarer Stimme. Mr. Taylors einleitende Fragen dienten offenbar dazu, sie zu beruhigen, und seine Strategie ging auf. Mrs. Button hatte sich sichtlich gefangen, als sie begann, die Ereignisse der fatalen Nacht zu schildern.

»Die arme Mrs. Oakley hatte einen Zahn gezogen bekommen und litt unter schrecklichen Schmerzen. Es tat mir richtig weh, sie so leiden zu sehen. Aber das war nicht das Einzige, was mir aufgefallen ist.«

Mr. Taylor beugte sich vor, und mit weicher, leiser Stimme fragte er:

»Wie meinen Sie das, Mrs. Button? Was gab es sonst noch?«

Die Zeugin reagierte gleichermaßen, indem sie sich vorbeugte und auf das Geländer des Zeugenstands stützte.

»Da war Mr. Oakleys Verhalten«, sagte sie mit rauer Stimme.

»Sie müssen lauter reden!«, forderte der Richter sie auf.

»Was war mit Mr. Oakleys Verhalten?«, fragte Taylor.

»Meinen Sie sein Verhalten an jenem Abend?«

»O nein, Sir! An diesem Abend war er die Freundlichkeit in Person! Er fuhr extra nach Bamford, um Laudanum für seine Frau zu holen. Er brachte es ihr selbst auf einem Tablett ins Zimmer. Es war das wenigste, was er tun konnte, angesichts der Tatsache, dass er sich mit diesem Flittchen Daisy Joss vergnügte …« An dieser Stelle sprang der Verteidiger auf wie von der Tarantel gestochen. Es war eine Schande, dass er genauso klein und rundlich war, wie der Anwalt der Krone groß und schlak sig.

»Einspruch! Das ist kein Beweis, das ist Tratsch!« Die Zeugin reagierte beleidigt und erwiderte kampflustig:

»Das ist kein Tratsch, Sir! Ich tratsche nicht! Es ist eine nackte Tatsache, und mehr noch, Daisy Joss war nicht die Erste!« Einige der Zuschauer kicherten.

»Ich werde in diesem Fall den Einspruch ablehnen«, sagte der Richter.

»Mr. Taylor, Ihre Zeugin darf fortfahren, doch sie wird nicht vergessen, dass sie unter Eid steht und uns nichts außer den Dingen erzählen wird, die sie mit absoluter Sicherheit weiß.«

»Das mache ich doch die ganze Zeit!«, begehrte die Zeugin empört auf.

»Bitte fahren Sie fort mit Ihrer Schilderung«, forderte Staatsanwalt Taylor sie hastig auf, offensichtlich besorgt, dass seine kostbare Zeugin den Richter verärgern könnte. Mrs. Button fand ihre Fassung wieder und erzählte weiter.

»Mr. Oakley aß alleine im Esszimmer. Brathähnchen … und einen Stärkepudding«, fügte sie hinzu.

»Ich glaube nicht, dass wir erfahren müssen, was Mr. Oakley gegessen hat, Mrs. Button«, sagte der Richter müde. Er hatte mehr als einmal mit Zeuginnen wie dieser zu tun gehabt. Zuerst nervös wie nur irgendwas, und dann, wenn sie endlich anfingen zu reden, konnte man sie überhaupt nicht mehr bremsen, obwohl die Hälfte ihrer Aussage nicht statthaft oder völlig irrelevant war. Er warf einen Blick auf die Uhr an der Wand über der Jury. Er war für den Abend mit dem Lord Lieutenant zum Essen verabredet und hatte nicht vor, die Angelegenheit einfach laufen zu lassen. Geschwätzige Dienstboten waren einfach die Hölle.

»Nun, ich erzähl’s Ihnen trotzdem«, konterte Mrs. Button.

»Damit Sie sehen, dass ich mich ganz genau an den Abend erinnere. Da ist nichts verschwommen in meinem Gedächtnis oder so. Ich werd es nie vergessen! Bis an mein Lebensende werd ich mich an jede Einzelheit aus dieser Nacht erinnern! Nach dem Abendessen ist Mr. Oakley in die Bibliothek gegangen, um eine Zigarre zu rauchen. Das hat er immer so gemacht, es war eine Gewohnheit. Ich hab die Magd beim Abwaschen des Geschirrs beaufsichtigt, dann hab ich sie nach Hause geschickt. Sie hat ganz in der Nähe gewohnt.«

»Und wer war noch im Haus in jener Nacht, nachdem die Magd gegangen war?«, erkundigte sich Mr. Taylor. Die kleine hilflose Maus war verschwunden. Stanley beugte sich gespannt vor und lauschte. Mrs. Button spulte Namen herunter.

»Mr. und Mrs. Oakley, Sir. Ich selbst. Lucy, eine der Mägde. Ich habe sie gleich nach dem Abwasch nach oben geschickt, weil sie angefangen hatte zu schnüffeln. Sie war ein wenig erkältet, denke ich. Jenny, die andere Magd, war nicht da, weil sie die Erlaubnis hatte, zu einem Familienbegräbnis zu gehen, und erst am nächsten Morgen wieder ihren Dienst antreten sollte. Mr. Hawkins, Mr. Oakleys persönlicher Diener, war ebenfalls nicht da an diesem Abend, weil der Herr ihn nach London geschickt hatte, wo er Botengänge erledigen sollte. Das Kindermädchen Daisy Joss war oben in der Kinderstube bei den Kindern. Watchett, der Gärtner war im Verlauf des Abends da, um mir zu sagen, was in seinem Obst- und Gemüsegarten reif ist, und ich habe ihm gesagt, was ich am nächsten Morgen gebrauchen konnte. Dann ging er in sein Cottage. Ich verriegelte die Hintertür und ging selbst zu Bett, nachdem ich noch sämtliche Fenster und Türen im Erdgeschoss überprüft hatte. Das war so gegen elf Uhr.« Auf den Zuschauerbänken herrschte gebannte Stille; sie hingen an jedem ihrer Worte. Man konnte eine Stecknadel fallen hören, notierte Stanley in seinem Notizbuch.

»Und haben Sie Mr. Oakley noch einmal gesehen?«, erkundigte sich Mr. Taylor. Mrs. Button schüttelte den Kopf.

»Nein, ich habe ihn nicht mehr gesehen, aber ich habe ihn in der Halle gehört und wie er dann zur Vordertreppe hochgegangen ist. Ich nahm an, dass er zu Bett wollte. Das war kurz vor zehn, schätze ich.«

»Sind Sie sicher, was die Zeit angeht? Denken Sie genau nach. Es ist wichtig.«

»Oh, ich bin ganz sicher, Sir«, antwortete die Zeugin.

»Ich habe zur Küchenuhr geschaut, weil Mr. Button normalerweise nicht so früh nach oben geht.«

»Tatsächlich nicht?«, fragte Mr. Taylor um der Jury willen. Und an Mrs. Button gewandt:

»Ich verstehe. Also Sie sind schließlich auch zu Bett gegangen. Welchen Weg haben Sie genommen?«

»Die Hintertreppe, Sir. Sie kommt im ersten Stock gleich neben der Tür zu Mrs. Oakleys Zimmer heraus. Wir nannten es das Turmzimmer.« An dieser Stelle zeigte die Zeugin erste Anzeichen von Stress.

»Ich wollte gerade die nächste Treppe zum Dachgeschoss hochsteigen, wo meine beiden Zimmer lagen … oh, es fällt mir so schwer, darüber zu reden. Alles kommt wieder hoch! Ich hörte ein grauenvolles Geräusch. Es ließ mir das Blut in den Adern gefrieren, das ist nicht übertrieben! Ich werde es niemals vergessen, niemals im Leben!«

»Beruhigen Sie sich, Mrs. Button, bitte beruhigen Sie sich«, drängte Mr. Taylor.

»Könnten Sie dieses Geräusch beschreiben?« Mrs. Button wusste, dass ihr Augenblick gekommen war. Sie richtete sich auf.

»Es war ein Kreischen, Sir, wie von einer verdammten Seele.« Im Publikum erklangen Schreckensrufe und gespanntes Stöhnen. Der Mann von Reuters schrieb eifrig mit. Der Anwalt der Krone sieht aus wie die Katze, die soeben den Kanarienvogel gefangen hat, dachte Stanley. Der Verteidiger kramte in seinen Papieren. Inspector Wood beobachtete das Geschehen aufmerksam. Lediglich der Angeklagte rührte sich nicht und blieb so hochmütig wie eh und je.

»Und was«, gurrte Mr. Taylor,»haben Sie als Nächstes gemacht, Mrs. Button? Nachdem Sie dieses Kreischen gehört hatten?«

»Oh, das. Nun ja, Sir, ich bin zu Mrs. Oakleys Tür gesprungen. Ich konnte merkwürdig gurgelnde, stöhnende Laute hören. Ich stieß die Tür auf, und dann, Sir … dann … es war ein grauenhafter Anblick! Ich bete, dass ich so etwas nie wieder sehen muss! Die Herrin lag in ihrem Nachthemd am Boden, und alles stand in Flammen! Sie wand und wälzte sich auf dem Teppich, die Flammen prasselten … sie streckte die Hände um Hilfe nach mir aus, das arme Ding, als könnte sie nicht mehr reden. Sie schien auch nicht atmen zu können. Ich sah die Lampe zerbrochen am Boden liegen. Sie muss gestürzt sein und die Lampe mit sich gerissen haben. Und ihre Haare, Sir, ihre Haare! Sie gingen in Flammen auf, und es zischte, und weg waren sie, einfach so, wie ein Feuerwerk!« Mrs. Button begann zu weinen, und mehrere Ladys unter den Zuschauern schlossen sich an. Der Richter nahm seinen Hammer und schlug auf den Klotz.

»Das Gericht versteht Ihre Emotionen, Mrs. Button, aber Sie müssen sich zusammenreißen. Bitte fahren Sie fort.« Mit leiser, gedämpfter Stimme berichtete Mrs. Button, wie sie die Bettdecke genommen und über die brennende Frau geworfen hatte, um die Flammen zu ersticken.

»Sie litt unter grausamen Schmerzen! Die Haut schälte sich von ihren Armen. Sie konnte nicht sprechen. Ich glaube, sie wollte etwas sagen, aber sie konnte nicht. Sie hatte nicht mehr genügend Luft. Ich war nicht überrascht – im Zimmer war ein furchtbarer Gestank, verbranntes Fleisch und Knoblauch oder etwas in der Art, wirklich sehr stark!«

»Sind Sie mit dem Geruch von Knoblauch vertraut?«, unterbrach Mr. Taylor ihre Schilderung. Mrs. Button versicherte ihm, dass sie den Geruch von Knoblauch sehr gut kannte. Sie hatte einmal eine Stelle gehabt, wo die Dame des Hauses Französin gewesen war und darauf bestanden hatte, dass Mrs. Button ihr gutes englisches Essen mit Knoblauch verdarb.

»Ich ging zum Fenster und riss es auf. Ich konnte kaum atmen, so schlimm war der Gestank, und ich hatte starke Kopfschmerzen davon, von den wenigen Sekunden, die ich dort im Zimmer war!« Mr. Taylor wandte sich an die Jury. Sein Verhalten war ein hübsches Gleichgewicht zwischen angemessenem Entsetzen und Befriedigung.

»Sie konnten kaum atmen, sagen Sie, Mrs. Button. Ich bitte die Gentlemen von der Jury, sich diese Worte zu merken.« Die Mitglieder der Jury bemühten sich auszusehen wie Männer, die wichtige Notizen verfassten. Einigen gelang es besser als anderen. Ein Mann, Stanley erkannte in ihm den einheimischen Gemüsehändler, sah aus, als sei ihm übel.

»Was ist Ihnen sonst noch aufgefallen, Mrs. Button?« Die Zeugin hob eine behandschuhte Hand und richtete sie zur Untermauerung ihrer nächsten Worte auf den Anwalt.

»Das war eine merkwürdige Sache. Auf dem Boden neben der Herrin lag so ein Topf, ein ganz normaler Topf, und ein paar Stäbe aus Metall. Nicht gerade das, was man in einem normalen Damenzimmer erwarten würde. Und es war nicht normal, das kann ich Ihnen versichern!« Mrs. Button hatte die letzten Worte richtiggehend herausfordernd ausgestoßen und zögerte nun, als erwartete sie, dass jemand wagte zu widersprechen. Als niemand dies tat, fuhr sie in leicht enttäuschtem Tonfall fort:

»Wie dem auch sei, ich hatte nicht die Zeit, mir wegen dieser Sache den Kopf zu zerbrechen. Ich bin losgelaufen, um den Herrn zu holen. Er tat natürlich, als sei er völlig aufgelöst und erschüttert, als er seine Frau dort liegen sah. Er sagte mir, ich solle zu den Ställen laufen und Riley, das ist der Stallbursche, zu Dr. Perkins schicken. Und das tat ich. Als ich zurückkam, sagte Mr. Oakley, dass Mrs. Oakley tot wäre, und ich glaube, sie war es wirklich. Er bat mich, bei ihr sitzen zu bleiben, während er sich anziehen ging, bevor der Doktor kam. Also ging er nach draußen, und ich blieb bei Mrs. Oakley sitzen. Und dann fiel mir auf, dass der Topf und die Metallstäbe verschwunden waren. Ich glaube, er hat alles in die Taschen seines Morgenmantels getan. Der Mantel hatte große Taschen, reichlich Platz.« Der kleine, rundliche Verteidiger sprang auf.

»Einspruch, Euer Ehren! Das ist eine Schlussfolgerung, die von der Zeu gin vorgetragen wird, und deswegen zweifellos unzulässig!« Die Zeugin wartete nicht, bis der Richter über die Streitfrage entschieden hatte.

»Nun, ich weiß nur, dass die Sachen alle noch da waren, als Mr. Oakley in das Zimmer kam, und als er wegging, waren sie verschwunden!«, sagte sie kampflustig.

»Ich habe sie nicht weggenommen!«

Jetzt auf dem Weg nach Hause rief sich Wood seinen zweiten Besuch auf Fourways House ins Gedächtnis, als er mit Sergeant Patterson hingefahren war, um William Oakley zu verhaften. Der Ausdruck auf dem Gesicht des Mannes, als er erkannte, was mit ihm geschah, war in Woods Gedächtnis eingebrannt. Unglauben, Empörung, Wut und schließlich – Verachtung. Ja, Verachtung. Vielleicht war es der Gedanke an diese verächtlichen dunklen Augen, die Wood am meisten mit Sorge erfüllten.

Es war bereits dunkel draußen, weil es noch früh war im Jahr. Der Nachtwächter drehte seine Runden, zündete die Gaslaternen an und hinterließ eine Spur von Helligkeit in der Straße. Die Luft war schwer vom schwefligen Gestank nach Rauch, dem Geruch nach Pferdedung und der klammen Feuchtigkeit des abendlichen Nebels. Dennoch waren immer noch viele Leute auf den Straßen. Gemüsehändler, Metzger und andere Läden waren geöffnet und warteten auf Kundschaft in letzter Minute, auf heimkehrende Büroarbeiter oder eine vergessliche Hausfrau.

Zeitungsjungen rannten mit den Spätausgaben umher. Die Bamford Gazette hatte ein Extrablatt herausgegeben. Wood kaufte eines und überflog den Bericht über die Verhandlung kurz, um es anschließend in die Tasche zu stecken und später in Ruhe zu lesen. Der Bericht stammte von Stanley Huxtable, einem Reporter, der Wood regelmäßig in die Quere kam und bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten unerwartet vor die Füße sprang, um Wood nach seinen Kommentaren über Gott und die Welt zu fragen. Am nächsten Morgen würde die Story in den überregionalen Zeitungen stehen, und darüber machte sich Wood gegenwärtig viel größere Sorgen als über Huxtable.

Er steckte den Schlüssel in das Schloss seines bescheidenen Reihenendhauses in der Station Road und bemühte sich wie immer lautlos aufzuschließen. Emily hörte ihn trotzdem, wie immer. Noch bevor er die Tür ganz offen hatte, kam sie aus der Küche geschossen, wo sie mit seinem Abendessen beschäftigt war, um ihm beim Ausziehen des Mantels zu helfen und die Regentropfen von der Krempe seines Bowlerhuts zu wischen.

»Ich wusste, dass du zu spät kommen würdest«, sagte sie und unterbrach ihn, noch bevor er seine Entschuldigung ganz heraushatte.

»Ist das Essen verdorben?«, fragte Wood und sog schnüffelnd die appetitlichen Düfte ein, die aus der Küche kamen.

»Nein. Ich habe extra einen Fleischauflauf gemacht, weil ich ihn warm halten kann.« Sie half ihm aus seinem Ulster, während sie sprach, und trug den Mantel weg, um ihn in der Halle aufzuhängen, wo die warme Luft aus der Küche ihn trocknen konnte.

»Fleischauflauf, mh!«, sagte Wood, während er sich den Schal vom Hals wickelte.

»Mein Lieblingsessen!« Beide lächelten. Was auch immer sie für ihn kochte, er behauptete stets, dass es sein Lieblingsessen war. Es war zu einem privaten Witz zwischen ihnen beiden geworden. Sie war dreiundzwanzig und sorgte nun seit sechs Jahren für ihn, seit dem Tod seiner Frau. Normalerweise sollte sie längst in ihrem eigenen Heim sein und sich um ihren eigenen Mann und die Kinder kümmern und nicht hier bei ihm. Doch es war nicht nur töchterliche Loyalität, die sie hier im Haus hielt, und ihr Lächeln rief es ihm einmal mehr ins Gedächtnis. Die Narben im Gesicht ließen sich nicht verstecken. Also versteckte sich Emily. Sie versteckte sich hier in diesem Haus und lebte ihr ganzes Leben hier in diesen Wänden. Vergeblich sagte er ihr immer wieder, dass bestimmt jemand dort draußen auf sie wartete, jenseits der Haustür, der hinter die Narben sehen und die wunderbare Person erkennen würde, deren Herz vollkommen unvernarbt war. Doch Emily hatte nicht den Mut, Zurückweisung zu riskieren. Sie blieb bei ihm, ging einmal in der Woche nach draußen zum Einkaufen und jeden Sonntagmorgen in die Methodistenkapelle zum Gottesdienst, und zu beiden Gelegenheiten hüllte sie ihr Gesicht in Schleier wie eine Witwe. Als Resultat war sie in der Nachbarschaft zu einem Objekt der Neugier geworden, umgeben von Geheimnissen, und die Geschichten um ihre Entstellungen waren maßlos übertrieben. Sie aßen auf Woods Wunsch hin stets in der Küche. Er sah keinen Grund, das winzige Esszimmer unordentlich zu machen und ihr die zusätzliche Arbeit des Aufräumens aufzubürden. Er durfte überhaupt nichts tun. Zu gerne hätte er im Haus mitgeholfen, im Gegensatz zu den meisten anderen Männern, doch sie war eisenhart. Dieses Haus war ihr Reich, ihr Leben. Draußen war er in seiner Welt. Hier drin war er in ihrer. Als sie am Küchentisch Platz genommen hatten, fragte sie, während sie ihm seine Portion auf den Teller gab:

»Wie ist es heute gelaufen, Vater?« Sie wusste Bescheid über den Fall Oakley, weil er es gewöhnt war, mit seiner Tochter über seine Arbeit zu sprechen. Üblicherweise ließ er die Gewalt und die unangenehmen Einzelheiten aus. Diesmal hatte er damit seine Mühe gehabt.

»Wie es zu erwarten war«, antwortete er.

»Diese Frau, Mrs. Button, hat ihre Aussage gemacht, ohne zu wanken, und die Sache liegt nicht mehr in meinen Händen, Liebes.« Augenblicklich relativierte er seine Worte:

»Ich habe Oakley beobachtet. Er sitzt da mit einem überlegenen Ausdruck im Gesicht und rührt sich nicht. Oakley hält uns alle zum Narren, fürchte ich. Ich spüre es in meinen Knochen.«

»Das sieht dir gar nicht ähnlich«, schalt sie ihren Vater.

»Nein, tut es nicht. Ich weiß sehr wohl, dass der Fall in den Händen der Anwälte liegt. Doch es passiert auch einem Polizisten hin und wieder, Liebes, dass er auf einen Halunken trifft, dessen Überführung ihm ganz besonders am Herzen liegt. Ich will William Oakley. Ich habe so sehr mit meinem Gewissen gerungen, dass selbst dein Priester zufrieden sein müsste. Aber die Wahrheit ist, dieser Oakley ist ein verschlagener, gerissener, berechnender, kaltblütiger Killer. Ich will diesen Schuldspruch hören, ich will ihn unbedingt hören, das gebe ich gerne zu! So, jetzt ist es heraus.« Er fürchtete, dass er zu heftig klang, deswegen unterbrach er sich und lächelte entschuldigend.

»Hör zu, ich klinge selbst wie ein Monster. Beachte meine Worte einfach nicht, Emily.« Sie hatte aufgehört zu essen und stocherte mit der Gabel auf dem Teller herum. Ohne den Blick zu heben, sagte sie:

»Es ist wegen mir, oder? Wegen dem hier.« Sie berührte die vernarbte Seite ihres Gesichts.

»Es ist, weil Mrs. Oakley verbrannt ist, deswegen willst du ihn unbedingt drankriegen.« Als sie endete, sah sie auf, und ihre blauen Augen starrten direkt in seine. Für einen Moment schwieg er schockiert. Hatte sie Recht? Es schien so offensichtlich, als sie es sagte, und doch war er sich nicht bewusst gewesen, dass das sein Grund war. Verstand seine Tochter ihn so viel besser als er sich selbst?

»Nein … nein, Emily, das ist es nicht«, brachte er schließlich heraus.

»Es ist nichts Persönliches. Nicht wie du denkst. Ich spüre es hier drinnen …«, er tippte sich auf die Brust,»… und hier«, er tippte sich an den Kopf.

»Aber vor Gericht kommt es darauf an, ob die Jury der Aussage dieser Haushälterin glaubt oder nicht. Gleichgültig wie dem auch sein mag, ich kann nichts mehr zu dieser Sache beitragen.«

Stanley Huxtable wohnte möbliert. Seine Wirtin war eine Frau mit strengen moralischen Prinzipien und der geradezu unheimlichen Fähigkeit, jede einzelne Flasche Porter zu entdecken, die in das Haus geschmuggelt wurde. Sie gestattete keine Kartenspiele, keine Musik (außer gemeinsam gesungenen Kirchenliedern) und keinen Besuch.

Aus diesem Grund hatte sich Stanley mit der Zeit angewöhnt, seine Abende in den Pubs der Stadt zu verbringen. Nicht, um sich zu betrinken – das hätte nicht nur seine Unterkunft, sondern auch seinen Job bei der Gazette gefährdet. Nur um, wie er jedem Interessierten erzählte, das eine oder andere fröhliche Gesicht zu sehen und ein wenig aufmunternde Konversation zu haben.

An diesem Abend saß er in einer Ecke des The George mit einem Pint Porter, einer Schweinepastete und einem eingelegten Ei. Stanley hatte noch nie einen Reporter kennen gelernt, der sich vernünftig ernährte.

Er hatte gerade mit seiner Pastete angefangen, als er eine Stimme hörte.

»Was dagegen, wenn ich mich dazusetze?« Es war der Kollege von der Agentur Reuters. Ohne auf Stanleys Antwort zu warten, stellte er seine eigene Pastete, ein Glas Whisky und ein Glas Wasser auf den Tisch und setzte sich. Sie aßen und tranken in kollegialem Schweigen. Schließlich bemerkte der Mann von Reuters:

»Diese Frau, diese Mrs. Button – sie hat der Anklage verdammt gute Munition geliefert. Wenn sie so weitermacht, hängt sie ihn ganz alleine.«

»Warten wir erst mal ab, was der Verteidiger im Kreuzverhör mit ihr macht«, entgegnete Stanley.

»Ich wette ein Pint, dass er sie bis morgen Abend völlig auseinander genommen hat.«

»Meinen Sie? Ich wette dagegen«, antwortete der Mann von Reuters. Stanley wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen.

»Ich hätte gedacht, dass Sie in Oxford Quartier beziehen würden?« Der Mann von Reuters kicherte und schüttelte den Kopf.

»Niemand in Oxford kennt diesen Oakley, oder? Das ist der Grund, aus dem sie die Verhandlung dorthin gelegt haben. Es gibt keine Details aus seinem Privatleben aufzuschnappen in Oxford, verstehen Sie? Sein Revier liegt hier in Bamford. Ich schätze, Sie kennen die eine oder andere Geschichte über Oakley?«

»Eigentlich nicht, nein«, antwortete Stanley Huxtable. Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, doch wenn der Mann von der internationalen Presseagentur Informationen wollte, dann sollte er sich genauso die Füße platt laufen wie alle anderen auch.

»Ziemlich arroganter Bursche«, meinte der Mann von Reuters. Stanley musste einräumen: William Oakley war tatsächlich ein arroganter Lackaffe. Doch auch Lackaffen hatten schon ihre Frauen ermordet, fügte er hinzu. Und weil sie Männer von Welt waren, die alles schon erlebt und alles schon gesehen hatten, nickten die beiden Journalisten weise.

KAPITEL 10

»SELBSTVERSTÄNDLICH bin ich gleich am nächsten Morgen zu ihnen gefahren, das heißt gestern.« Juliet Painter und Meredith Mitchell saßen an einem ungemütlichen Ecktisch in einer geschäftigen Burger Bar. Keine von beiden hätte sich diesen Treffpunkt ausgesucht, doch sie hatten auch beide mittags nicht viel Zeit, und die Bar hatte in bequemer Entfernung gelegen. Meredith hatte Kaffee und eine Portion Pommes frites, Juliet Kaffee und einen Doughnut. Juliet beugte sich über den Tisch, um die Stimme nicht über den umgebenden Lärm erheben zu müssen.

»Ich hatte sowieso vor, nach Fourways zu fahren, nachdem Sie mich noch in der Nacht seiner Ankunft angerufen und mir von diesem angeblichen Jan Oakley erzählt haben. Doch ich musste am nächsten Tag nach Yorkshire, ein fester Termin. Also musste ich meinen Besuch auf Fourways verschieben. Das ist richtig schade, weil dieser schauderhafte Rowdy dadurch die Gelegenheit erhalten hat, zuerst seinen Plan in die Tat umzusetzen. Wäre ich gleich dort gewesen, hätte ich sofort gemerkt, was er im Schilde führt, und ihm den Kopf gewaschen.«

»Sie mögen ihn nicht.« Meredith musste lächeln angesichts der Wildheit in Juliets Stimme. Dann schüttelte sie den Kopf und runzelte die Stirn.

»Ich war unentschlossen, was ich von ihm halten soll. Auf der einen Seite mochte ich ihn auch gleich von Anfang an nicht. Auf der anderen hatte es etwas sehr Rührendes an sich, ihn zu beobachten, wie er das Haus zum ersten Mal sah.« Juliet schnaubte.

»Lassen Sie sich nicht einwickeln! Das war alles geschauspielert.«

»Er ist ein Mitglied der Familie«, erwiderte Meredith.

»Oder falls nicht, hat er die Familiengeschichte zumindest sehr genau studiert, und ich wüsste nicht, wie er das drüben in Polen hätte anstellen sollen, es sei denn, er hat irgendwelche mündlich überlieferten Geschichten gehört. Er klang allerdings, als hätte er tatsächlich an die Unschuld seines Urgroßvaters geglaubt. Wenn Fourways zu einer Art Legende in seiner Familie wurde, über die immer wieder geredet und geredet wurde … es muss sehr aufregend für ihn gewesen sein, das Haus endlich in Stein und Mörtel vor sich zu sehen.«

»Der Heilige Gral, der sich nur demjenigen zeigt, der reinen Herzens ist«, sagte Juliet.

»Aber an Jan Oakley ist nichts Reines. Er ist außerdem ein eingebildeter Mistkerl. Als er mir vorgestellt wurde, hat er die Augen verdreht wie ein Stummfilmstar und hat mich widerlich angegrinst. Ich schätze, es sollte verführerisch sein. Trottel! Wenigstens war ich durch Sie gewarnt und konnte rechtzeitig meine Hand wegziehen, als er sie küssen wollte. Bäh!« Meredith lauschte den Worten ihres Gegenübers, und plötzlich ging ihr einer jener unbedeutenden Gedanken durch den Kopf, die einem in den ungelegensten Augenblicken kommen. Sie fragte sich, wie lange Juliet noch dieses Schuldmädchenaussehen behalten und wie sie altern würde. Sie konnte diese Zopffrisur nicht ewig beibehalten. Sie war mit einer wunderschönen Haut gesegnet, und das half immer. Irgendwie war es unmöglich, sich Juliet alt vorzustellen. Meredith riss sich zusammen und kehrte in die Gegenwart zurück.

»Es ist Sache der beiden Oakley-Schwestern, ihn vor die Tür zu setzen. Was auch immer er behauptet, es ist ihr Haus, und er ist ihr Gast.«

»Wenn sie es nur könnten! Sie wollten ihn nicht dahaben, von Anfang an nicht. Er hat sich selbst eingeladen. Sie akzeptieren, dass er zur Familie gehört, und sie fühlten sich verpflichtet, ihn kommen zu lassen und ihm ein Bett zu geben, nun, da er hier ist …« Juliet zischte verärgert und biss ein Stück aus ihrem Doughnut.

»Außerdem«, fügte sie undeutlich mit vollem Mund hinzu,»außerdem, wie sollen zwei ältere Frauen, von denen eine, nämlich Florence, schon sehr gebrechlich ist, einem Burschen ihren Willen aufzwingen, der jung, gesund, entschlossen und vollkommen ohne jeden Skrupel ist. Denn skrupellos ist er, glauben Sie mir.«

»Ja, irgendwie glaube ich das auch.« Meredith nickte. Nach einem Augenblick fügte sie fragend hinzu:

»Wir können also sicher sein, dass er echt ist, ein richtiger, echter Oakley?« Sie winkte zur Untermalung mit einem Stäbchen Pommes, das sie auf ihre Gabel aufgespießt hatte.

»Schließlich ist es das, worauf alles basiert, oder? Er könnte auf irgendeine Weise von William Oakley erfahren haben, von der wir nichts wissen. Es gibt eine Menge Bücher über berühmte Kriminalfälle der Geschichte. Vielleicht gibt es irgendwo ein Buch, in dem auch der Fall Oakley abgehandelt wird, und dieser Mann, wer auch immer er ist, hat eine Ausgabe in die Finger bekommen? Können wir sicher sein, dass Jan Oakley tatsächlich der ist, für den er sich ausgibt?«

»Ich fürchte ja«, murmelte Juliet durch ein weiteres Stück Doughnut im Mund. Sie schluckte es herunter und fuhr deutlicher verständlich fort:

»Ich wünschte, ich könnte sagen, dass er nicht der ist, für den er sich ausgibt. Ich habe seinen Pass verlangt, wissen Sie? Und da stand es drin. Jan Oakley.«

»Es gibt auch so etwas wie gefälschte Pässe, oder?«, entgegnete Meredith.

»Ein verlockender Gedanke. Doch selbst wenn er irgendwo eine Schilderung des Gerichtsverfahrens gefunden hätte, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass er all die Mühe auf sich genommen hat, um einen falschen Pass zu bekommen. Außerdem ist er imstande, eine Menge weiterer Details zu schildern, und wir können nicht beweisen, dass es die Unwahrheit ist, weil wir keine Aufzeichnungen haben über das, was aus William nach seinem Verschwinden aus Fourways House und dieser Gegend geworden ist. Sein eigener Sohn musste vor Gericht und ihn für tot erklären lassen, falls du dich erinnerst.«

»Und dieser Jan ist imstande uns zu erzählen, was aus William Oakley geworden ist?«

»Die ganze Geschichte«, sagte Juliet düster.

»Es scheint, der Gottlose William streifte für eine Weile kreuz und quer durch Europa, wohin ihn Lust und Laune gerade trugen. Hauptsächlich hielt er sich im österreichisch-ungarischen Reich auf. Schließlich wurde er in Krakau sesshaft, das damals von Österreich kontrolliert wurde. Dort hatte er eine Menge Glück. Er fand eine weitere reiche Frau zum Heiraten, diesmal eine polnische Händlerswitwe mit mehreren Geschäften. Jan hat sogar ein altes Sepiafoto, auf dem William und seine zweite Frau zu sehen sind. Woher sollte er das haben, wenn nicht von seiner Familie? Ich meine, sicher, es gibt eine Menge alter Porträts aus dieser Zeit, aber dieses Foto passt zu allem anderen, was Jan Oakley erzählt. Ich sage Ihnen eins, sie muss Geld gehabt haben, denn wegen ihres Aussehens hat William sie ganz bestimmt nicht geheiratet! William sieht auf dem Bild fast genauso aus wie auf dem gemalten Porträt, das in Fourways House hängt, arrogant und selbstzufrieden von oben bis unten. So, William hat also die Geschäfte geführt und das Geld seiner Frau benutzt, um noch mehr daraus zu machen. Diesmal gelang es ihm, die Finger von den Dienstmädchen zu lassen, und die Ehe funktionierte. Wer sagt denn, dass sich Verbrechen nicht auszahlt?«

»Alan nicht. Er sagt, dass Verbrechen sich leider viel zu oft für viel zu viele Leute auszahlt. Nicht für die Kerle, die am Ende im Gefängnis landen, sondern für die großen Fische im Hintergrund, die gänzlich ungeschoren davonkommen.«

»Jan ist ein kleiner Fisch«, sagte Juliet wütend.

»Ich würde ihn nur zu gerne im Gefängnis schmoren sehen. Sagen Sie Alan, dass ich bereits daran arbeite. Ich könnte ein wenig Hilfe gebrauchen. Das ist der Grund für mein Hiersein und unsere Unterhaltung jetzt.« Meredith trank von ihrem Kaffee und zuckte zusammen.

»Ich habe bereits versucht, mit Alan über dieses Thema zu reden. Er sagt, wir hätten gegen Jan Oakley nichts in der Hand. Die Tatsache, dass er ein Nachfahre vom Gottlosen William ist und auf Fourways House wohnt, ist kein kriminelles Vergehen.«

»Aber Geld zu erpressen ist eines«, entgegnete Juliet Painter. Verblüfft setzte Meredith ihre Tasse ab. Eine Gruppe von Teenagern mit Tabletts schob sich an ihrem Tisch vorbei. Als Meredith wieder reden konnte, fragte sie leise:

»Sind Sie ganz sicher, Juliet? Ich dachte, die Oakleys hätten kein Geld? Sie müssten das Haus verkaufen, um das nötige Kapital für eine Wohnung zu bekommen?«

»Sie hoffen, dass sie einen Käufer für das Haus finden«, verbesserte Juliet.

»Und genau das eröffnet Jan Oakley seine Chance. Sie sollten sich den Rest der Geschichte anhören – übrigens Jans Version. Ich hatte noch keine Gelegenheit, sie auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen. Jetzt kommt’s, passen Sie auf. Williams polnische Frau starb zuerst und vermachte ihr gesamtes Geld William. Als William starb, teilte er seinen Besitz zu gleichen Teilen unter seinen Kindern auf.« Juliet hob einen schlanken Zeigefinger, dessen Nagel – vielleicht ein wenig überraschend – magentafarben lackiert war.

»Okay, Oakley hatte zwei Kinder in Polen, einen Jungen und ein Mädchen. Doch er hatte auch ein Kind in England, das er in seinem Testament allerdings ausgespart hat. Es ist offensichtlich, dass er seinen polnischen Besitz aus den Händen seines englischen Sohns heraushalten wollte. William war ohne jeden Zweifel ein doppelzüngiger Stinker allererster Güte. Und jetzt kommt der Knackpunkt: Was hat er mit ›all seinem Besitz‹ gemeint? Meinte er damit auch seinen Besitz in England? Seine Tochter starb noch vor dem Ersten Weltkrieg an Diphtherie. Der polnische Sohn erbte jeglichen polnischen Besitz und sämtliche Geschäftsanteile. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Krakau wieder polnisch, doch für die Oakleys änderte sich nichts. Der Großvater von unserem Jan Oakley führte die Geschäfte weiter. Alles ganz normal also, wäre da nicht die Tatsache, dass sie später unter den Kommunisten alles verloren hatten. Der Vater von Jan erbte nichts. Die polnische Familie geriet in Armut, und das einzige überlebende Mitglied ist Jan Oakley, gegenwärtig zu Besuch bei seinen beiden Cousinen auf Fourways. Mit dem Wechsel des Regimes in Polen versuchten viele Leute, ihre beschlagnahmten Besitztümer zurückzuerlangen. Unser Jan – ich nenne ihn so, weil mir nichts Besseres einfällt – fing an, die Papiere der Familie durchzugehen. Eigentlich wollte er nur Belege für seinen angestrebten Entschädigungsprozess gegen die polnische Regierung, doch hey, was ist denn das? Eine Kopie des Testaments seines englischen Urgroßvaters! Zusammengefasst steht darin, dass Jan einen Anspruch auf einen Teil von Williams Besitztümern in England hat, heute repräsentiert durch Fourways House. Cora Oakley hatte zwar das Geld, doch das Haus und der Grund gehörten von Anfang an William. Wenn die Oakley-Schwestern es heute verkaufen, dann will er die Hälfte des Geldes. Er argumentiert, dass sein Großvater nach dem Testament des Gottlosen William Anspruch auf die Hälfte der englischen Besitztümer hatte – genau die Hälfte, die Jan jetzt für sich beansprucht. Damaris und Florence sind wie vor den Kopf gestoßen.«

»Sie brauchen rechtlichen Beistand!«, sagte Meredith prompt.

»Ich bin nicht diejenige, mit der Sie reden müssen. Versuchen Sie es bei Laura, Alans Schwester. Sie ist Anwältin.«

»Das weiß ich. Sie ist rein zufällig die Anwältin der Oakley-Schwestern. Ich bin mit den beiden zu ihr gefahren, und sie hat gesagt, sie hätte noch nie einen Fall wie diesen gehabt und bräuchte Zeit zum Recherchieren, doch ihre erste Einschätzung lautet, dass Jan keine rechtliche Grundlage für seine Forderungen hat. Wir wissen bisher nicht einmal, ob das Testament, auf das er sich beruft, echt ist. Wir haben es nicht gesehen, sondern lediglich eine beglaubigte Übersetzung, die Jan Ihrer Schwägerin Laura unter die Nase gehalten hat. Selbst wenn alles seine Richtigkeit haben sollte und selbst wenn das polnische Familienrecht sich vom britischen unterscheidet, reden wir hier von einem Testament, das vor dem Ersten Weltkrieg aufgesetzt wurde, in einem fremden Land unter der Kontrolle eines Regimes, das nicht mehr existiert. Sämtliche unabhängigen Aufzeichnungen sind wahrscheinlich längst verloren. Außerdem, sagt Laura, wurde der Gottlose William in England offiziell für tot erklärt und sein Nachlass gemäß den geltenden Gesetzen übertragen.«

»Also«, sagte Meredith und biss in ein Pommes-fritesStäbchen,»also sagen wir Jan Oakley, dass er sich packen und nach Polen verschwinden soll.«

»Das habe ich bereits getan, und er sagte, er würde die Angelegenheit vor ein britisches Gericht bringen. Sich an die berühmte englische Justiz und ihre Fairness wenden, wie er es nannte.« Juliet stieß einen Laut aus, der nur als Grollen bezeichnet werden konnte.

»Und wie Laura sagt, falls er das tut, könnte sich die Sache hinziehen, ganz gleich, was dabei herauskommen mag. Die Mühlen des Gesetzes mahlen langsam. Die Geschichte würde den Verkauf von Fourways House hinauszögern. Es würde die Schwestern nicht nur Geld, sondern auch Zeit kosten. Und Zeit, verstehen Sie, Meredith, ist genau das, was Damaris und Florence nicht haben. Wir sprechen hier von Frauen, die beide über achtzig sind und sich noch vor dem kommenden Winter in einem neuen Heim niederlassen wollen. Sie haben nur ein paar Monate, Wochen vielleicht, um zu verkaufen, neu zu kaufen und umzuziehen. Jan Oakley weiß das. Er hat die Geschichte wirklich sehr clever eingefädelt.«

»Ich verstehe …«, sagte Meredith langsam.

»Also glauben Sie, er will die Schwestern auf diese Weise zu einer außergerichtlichen Einigung zwingen?«

»Ganz bestimmt ist das sein Plan. Von seinem Standpunkt aus ist das Schöne daran, dass er gar nicht gewinnen muss. Er muss lediglich dafür sorgen, dass sich alles verzögert. Er will sie dazu bringen, dass sie sich schriftlich einverstanden erklären, ihm eine große Summe aus dem Verkaufserlös von Fourways House zu übereignen. Ihn mit anderen Worten dafür bezahlen, dass er weggeht und sie in ihren Verkaufsbemühungen weitermachen lässt.«

»Aber sie müssen sich nicht mit so einer Erpressung einverstanden erklären!«, sagte Meredith heftig.

»Das habe ich ihnen auch gesagt, und Laura hat es ihnen gesagt. Doch Damaris und Florence sind alt und gebrechlich, sie sind verwirrt, und sie sind verängstigt. Er sitzt bei ihnen unter dem Dach, und Besitz sind neunzig Prozent des Gesetzes. Er erzählt ihnen immer wieder, wie arm er ist, dass er ihr Verwandter ist und so weiter. Er ist ein echter Oakley.« Juliet grinste dünn.

»Da gebe ich ihm ausnahmsweise Recht. Er ist ein echter Oakley. Ein wiedergeborener Gottloser William.« Sie seufzte erneut.

»Die Schwestern sind schrecklich aufgebracht. Er hat ihnen das Gefühl vermittelt, als hätten sie ihm gegenüber eine Verpflichtung. Er hat ihnen erzählt, wie sehr die Familie unter den Kommunisten zu leiden hatte, wie sie in Armut gestürzt wurde. Er übt moralischen Druck auf Damaris und Florence aus. Er erinnert sie immer wieder daran, dass er abgesehen von ihnen beiden der letzte überlebende Oakley ist und dass die gesamte Zukunft der Familie in ihren Händen liegt. Florence und Damaris sind hin- und hergerissen zwischen der unverhüllten Drohung eines langwierigen Streits vor den Gerichten und dem verwandtschaftlichen Aspekt der Geschichte. Der Druck ist fast unerträglich für die beiden alten Damen. Sie können es sich nicht leisten, Jan Oakley die Hälfte des Geldes vom Verkaufserlös von Fourways House zu überlassen, aber sie werden unaufhaltsam genau dahin gedrängt. Wenn das keine Erpressung ist, dann weiß ich es nicht!«

»Ich werde mit Alan darüber sprechen«, sagte Meredith.

»Es muss irgendetwas geben, was man dagegen unternehmen kann.«

»Ich habe bereits Pam und Geoff davon erzählt, und sie sind entsetzt! Pam ist Mitglied im Landrat, und sie lässt derartige Dinge nicht auf sich beruhen. Sie ist geradewegs nach Fourways gefahren und hat die Schwestern angewiesen, nichts zu unternehmen, bevor wir nicht alle die Gelegenheit hatten, die Köpfe zusammenzustecken und diese Sache zu überdenken.«

»War Jan Oakley dort, als Pam auf Fourways war?«, fragte Meredith neugierig.

»Ist Pam dem jungen Oakley begegnet?«

»Er war nicht da, leider, wenigstens nicht im Haus. Pam hätte sonst wahrscheinlich Hackfleisch aus ihm gemacht. Sie hat vor Wut kochend in den Gärten nach ihm gesucht, aber dort fand sie nur Ron Gladstone, den Gärtner. Er kannte sie – er hat sie gewählt, wie es scheint, bei den letzten Landtagswahlen. Jedenfalls hat er sie prompt gelöchert und verlangt, dass sie etwas gegen Jan Oakley unternimmt. Sie musste ihm sagen, dass es keine Sache der Politik ist, sondern der Gerichte. Allerdings hat sie ihm auch gesagt, dass sie die Sache persönlich nimmt und nichts unversucht lassen würde, um die Angelegenheit zu bereinigen. Pam hat eine Menge Erfahrung darin, aufgebrachte Bürger und Steuerzahler zu beruhigen.«

»Dieser Gladstone war also aufgebracht?«

»Völlig außer sich, Pams Worten zufolge. Er mag die beiden alten Ladys sehr, wie er die Oakley-Schwestern nennt, und er hatte eine spontane Abneigung gegen Jan Oakley.« Juliet funkelte einen Jugendlichen mit einer verkehrt herum sitzenden Baseballmütze an, der gefährlich dicht bei ihr seinen Kaffee verschüttet hatte, als er sich einen Weg zu einem Tisch bahnte.

»Pam packt die Dinge an, und sie bringt sie zu einem Ende. Sie ist ziemlich gut, auch wenn sie es manchmal übertreibt. Beispielsweise versucht sie immer wieder, James und mich zu verkuppeln.«

»Was denn, James Holland, der Vikar?«, fragte Meredith verblüfft.

»Nun ja, er ist ein netter Kerl, würde ich sagen.«

»Er ist ein großartiger Mensch. Ich mag ihn unheimlich gerne – als Freund. Aber als Ehemann? Ich bitte Sie«, sagte Juliet,»was würde ich für eine Vikarsfrau abgeben? Die Kranken besuchen und den Armen Mut machen? Das ist nicht mein Ding, Meredith.«

»Vikarsfrauen sind heutzutage anders, Juliet. Sie sind selbst berufstätig.«

»Mein Beruf erfordert jedenfalls von mir, dass ich in London wohne und nicht in einem zugigen alten Vikariat in Bamford. James und ich sind alte Freunde, aber ich bezweifle, dass er mich lieber heiraten möchte als ich ihn. Aber das …«, fuhr Juliet fort,»… das hat nichts mit Damaris und Florence zu tun.«

»Ich bin sicher, dass Alan helfen kann«, sagte Meredith optimistisch.

»Vielleicht, wenn Jan denkt, dass die Polizei ihn im Auge behält, überlegt er es sich und denkt über sein Verhalten nach.« Juliets Blick war abwesend geworden. Sie starrte in eine andere Ecke des Restaurants.

»Wissen Sie, als ich in Yorkshire war, habe ich mich mit einem alten Gentleman getroffen, der mir gesagt hat, er würde einige Leute, die ihm Scherereien machen, am liebsten erschießen. Ich verstehe ganz genau, was er gemeint hat. Ich könnte Jan Oakley ohne mit der Wimper zu zucken ermorden. Es wäre kein Verbrechen und keine Sünde oder so was.« Juliets Blick kehrte zu Meredith zurück.

»Es würde lediglich die Dinge wieder in Ordnung bringen.«

Meredith kehrte tief in Gedanken versunken in ihr Büro zurück. Sie stieß die Tür auf und schreckte zurück bei dem Anblick, der sich ihr bot.

Adrian stand über ihren Schreibtisch gebeugt, und als die Tür geöffnet wurde, sprang er erschrocken zurück, als hätte ihm jemand Feuer unter den Fußsohlen gemacht.

»Oh, Meredith …«, sagte er dümmlich und setzte seine Goldrandbrille ab.

»Ich dachte, Sie wären mit einer Freundin mittagessen gegangen?«

»War ein Arbeitsessen, mehr nicht«, sagte Meredith grimmig.

»Brauchen Sie etwas von meinem Schreibtisch?«

»Ah, das Tipp-Ex … falls Sie welches haben. Ich muss ein paar Korrekturen vornehmen und kann meines nicht finden …«

Meredith durchquerte das Büro und nahm die kleine weiße Flasche, um sie Adrian schweigend in die Hand zu drücken. Er hatte genug Zeit gefunden, um sich zu fangen.

»Sehr gut, sehr gut«, sagte er jovial.

»Direkt vor meiner Nase, wer hätte das gedacht?«

»Adrian«, sagte Meredith leise, während sie sich setzte.

»Ich bin nicht dumm. Und wenn Sie mit dem Tipp-Ex fertig sind, schrauben Sie bitte den Deckel wieder richtig auf, sonst trocknet es aus.« Er schlich zu seinem Schreibtisch in der anderen Ecke des Zimmers zurück, wo er sich damit beschäftigte, reichlich Tipp-Ex über alles zu schmieren. Blöder Heini!, dachte Meredith erbost, doch sie war mehr als nur verärgert. Sie war entschlossen. Adrian musste verschwinden, wie Jan Oakley. Sie war sich noch nicht sicher, wie sie es anstellen sollte, doch es musste einen Weg geben.

Ohne dass Meredith etwas davon wusste, hatten sich bereits andere Personen Alan genähert und ihn gebeten, etwas im Fall Jan Oakley zu unternehmen. Sein erster Anrufer war Laura, Alans Schwester.

»Er mag technisch betrachtet vielleicht nicht das Gesetz gebrochen haben, doch Tatsache ist, er ist ein Dieb. Er versucht Geld aus den beiden alten Damen zu pressen. Ich bin ihr Anwalt. Ich kann ihnen raten, ich kann sie drängen, damit zu warten, bis diese Geschichte überprüft und seine Identität zweifelsfrei festgestellt wurde, doch sie sagen, er weiß viel zu viel über die Familie, um nicht echt zu sein. Sie wollen nur, dass er endlich wieder geht, und wenn dazu Geld nötig ist, dann werden sie es ihm vielleicht anbieten. Letztendlich ist es ihre Entscheidung, wenn sie ihn abfinden, und ich kann sie nicht daran hindern. Übrigens breche ich keine Schweigepflicht, wenn ich dir das alles erzähle. Ich habe ihnen gesagt, dass ich überlege, mit dir zu reden, und sie waren sehr dafür. Kannst du vielleicht einmal nach Fourways fahren und mit ihnen reden? Sie kennen dich, und sie kennen unsere Familie schon seit langer Zeit, sogar den verrückten alten Onkel Henry. Ich bin sicher, sie werden auf dich hören.«

Fünfzehn Minuten später kam der zweite Anruf, diesmal von Pamela Painter.

»Ich schätze, Sie mögen es nicht, bei der Arbeit gestört zu werden, Alan. Geoffrey mag es auch nicht«, begann sie auf ihre forsche Art.

»Aber das ist ein quasioffizieller Anruf. Sie haben von diesem Kerl gehört, der sich selbst Jan Oakley nennt?«

Markby bejahte die Frage. Ja, er hatte auch von dem Testament gehört und von den Behauptungen, die Jan Oakley vorgebracht hatte. Nein, die Geschichte gefiel ihm nicht ein bisschen.

»Na«, sagte Pamela rigoros,»dann müssen Sie etwas unternehmen, Alan.«

»Es ist keine Angelegenheit der Polizei, Pam.«

»Auch keine der Politik. Aber wir sind verantwortlich, Alan! Wir sind mit den alten Damen bekannt! Wir sind menschlich verantwortlich!«

»Haben Sie schon mit James Holland gesprochen?«, fühlte sich Markby durch diesen drängenden Appell veranlasst zu fragen.

»Vielleicht, wenn ein Geistlicher sich an Jan Oakley wendet …«

»Das ist eine gute Idee, Alan! Ich werde mich gleich mit James in Verbindung setzen! Aber wir müssen alle unseren Teil beitragen. Wir alle, Alan! Dieser Jan Oakley darf nicht ungeschoren davonkommen!« Als Ergebnis wurde Meredith, als sie an jenem Abend von der Arbeit nach Hause kam, bereits von Alan erwartet.

»Wir gehen aus zum Essen«, sagte er.

»Großartig!« Sie ließ ihren Aktenkoffer auf einen Stuhl fallen und trat sich die Schuhe von den Füßen.

»Gib mir nur eben Zeit zum Duschen und Umziehen …« Dann bemerkte sie den rätselhaften Ausdruck in Alans Gesicht. Misstrauen erfasste sie.

»Warum denn und wohin eigentlich?«

»Ich dachte, wir könnten mal das The Feathers ausprobieren.«

»Dieses Pub in der Nähe von Fourways House? Das Essen soll höchst mittelmäßig sein dort, habe ich gehört.«

»Jan Oakley isst dort zu Abend.«

»Oh«, sagte Meredith.

»Ich wollte sowieso mit dir über diesen Oakley reden. Juliet und ich haben uns heute in der Mittagspause getroffen.«

»Laura hat mich angerufen. Pamela Painter ebenfalls«, erwiderte Markby.

»Dann geht es also um dieses Testament, ja? Um Jan Oakleys Plan, Geld aus den beiden alten Schwestern zu erpressen?«

»Er hat kein Gesetz gebrochen«, warnte Alan sie.

»Wir müssen sehr behutsam vorgehen. Andererseits wüsste ich keinen Grund, warum wir nicht unsererseits ebenfalls ein wenig Druck ausüben sollten.«

»Höchst durchschnittlich«, entschied Meredith, als sie das Pub betraten, und es war in der Tat eine passende Beschreibung. Das Pub war in einem alten Bruchsteingemäuer unter einem Schieferdach untergebracht. Irgendwann, wohl um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, war es ohne Rücksicht auf den ursprünglichen Stil erweitert worden, was zu einem hässlichen Mischmasch geführt hatte. Im Innern des Hauses herrschte ein ähnlicher Mangel an Geschmack. Eine alte Strukturtapete, frisch in Cremeweiß gestrichen, verfärbte sich bereits vom Zigarettenrauch bräunlich. Sie löste sich in breiten Streifen von der Wand, und sämtliche Nähte standen ab. Gerahmte alte Sepiafotografien von historischen Landschaften verstärkten den Eindruck von umfassender

»Braunheit« noch. Die Fotografien mochten vielleicht echt sein, doch besonders interessant waren sie deswegen noch lange nicht. Die besten darunter zeigten das Personal des The Feathers um etwa 1900 herum, in Positur vor dem Haus. Sämtliche Männer trugen Bowlerhüte mit Ausnahme eines jungen Burschen, der eine Schottenmütze auf dem Kopf trug. Die Wirtin schien Trauer zu tragen, ganz in Schwarz gehüllt und verschleiert. Das Feathers, entschied Meredith, war offensichtlich noch nie ein fröhlicher Ort gewesen. Ein missmutig dreinblickender Bullterrier posierte zu Füßen der Wirtin und machte diese Tatsache jedem deutlich, der sie bisher noch nicht begriffen hatte. Nichtsdestotrotz war die L-förmige Bar zur Hälfte mit Gästen gefüllt. Meredith zupfte Alan am Arm.

»Das dort ist er.« Jan Oakley saß in der vom Eingang abgewandten Ecke im kurzen Schenkel des L. Er beendete soeben seine Mahlzeit, legte Messer und Gabel hin und schob den Teller von sich weg. Er sah einsam und verlassen aus, genau wie am Taxistand, wo Meredith ihn aufgelesen hatte. Ein junger Mann ohne Freunde, ohne Begleitung, der allein in einem Pub seine Mahlzeit einnahm. Widerwillig spürte sie, wie ein Anflug von Mitgefühl sie überkam.

»Warum gehst du nicht hin und sagst Hallo?«, murmelte Alan.

»Ich besorge uns etwas zu trinken.«

»Okay. Einen halben Cidre bitte.« Alan ging zur Bar, und Meredith durchquerte den Raum und baute sich vor Jan Oakley auf. Er spürte, dass jemand dort war, und hob misstrauisch den Blick. Dann jedoch erkannte er Meredith, und zu ihrer Bestürzung leuchtete sein Gesicht auf jene übertriebene Weise auf, die sie so sehr durcheinander brachte.

»Meine nette Freundin aus dem Zug nach Bamford!« Er sprang von seinem Stuhl auf, wobei er an den Tisch stieß, was das Bier im Glas gefährlich schwappen ließ.

»Die erste Person, die mir das Gefühl gegeben hat, dass ich in England willkommen bin, und nun sind Sie wieder da! Das ist großartig, einfach großartig!« Er streckte ihr zur Begrüßung die Hand entgegen.

»Bitte bleiben Sie doch sitzen«, sagte Meredith und packte mit beiden Händen die Rückenlehne eines Stuhls, um sich einerseits gegen seinen überwältigenden Enthusiasmus zu wappnen und andererseits, damit er sie nicht wieder mit seinem Handkuss überraschen konnte.

»Ich bin nur kurz vorbeigekommen, um Hallo zu sagen und Sie zu fragen, wie es Ihnen in England gefällt.«

»Sie werden es nicht glauben, aber es ist einfach wunderbar!«, versicherte Jan und deutete drängend auf den Stuhl, auf dessen Lehne sich Meredith stützte.

»Bitte, bitte, so nehmen Sie doch Platz! Wissen Sie, ich habe wirklich gehofft, dass ich Sie wieder treffen würde! Ich habe meinen Cousinen von Ihnen erzählt, Mrs. Painter, einfach jedem, dem ich begegnet bin, wie nett Sie zu mir waren.«

»Mein Freund holt nur eben ein paar Drinks an der Bar«, unterbrach Meredith seinen Wortschwall, doch sie zog den Stuhl trotzdem unter dem Tisch hervor, um sich darauf zu setzen.

»Hat Ihnen das Essen geschmeckt? Wir haben noch nie hier gegessen.« Jan starrte auf seinen leeren Teller, zuckte die Schultern und sagte dann:

»Es war etwas Heißes, und es war nicht ausgesprochen unangenehm. Eine Art Pastete, würde ich sagen, mit Fleischfüllung.« Ein Schatten fiel auf sie. Beide blickten auf und sahen Markby mit einem Glas in jeder Hand.

»Oh, Alan«, sagte Meredith hastig.

»Darf ich dir vorstellen – das hier ist Jan Oakley. Ich hatte dir erzählt, dass ich ihn im Zug nach Bamford kennen gelernt habe, du erinnerst dich?« Oakley hielt Alan eifrig die kleine, starke, sonnengebräunte Hand hin. Meredith verspürte heftige Gewissensbisse. Markby setzte sich mehr oder weniger unfreiwillig zu ihnen an den Tisch. Nun, da Jan Oakley jemanden gefunden hatte, mit dem er reden konnte, hellte sich seine Stimmung sichtlich auf. Einmal mehr verspürte Meredith unerwünschte Sympathie für ihn. Allein Abend für Abend in einem heruntergekommenen Pub zu sitzen war nichts, das sie sich als angenehm vorstellte. Sie wünschte, er würde nicht ständig diese

»Gute-Freundin«Floskel herauskehren. Sie hegte weder freundliche Gefühle für ihn, noch war sie bereit, seine Freundin zu sein. Sie saß unter falscher Flagge an diesem Tisch. Andererseits hatte sie gewusst, welche Situation sie erwartete, als sie sich aufgemacht hatte, um ihn zu begrüßen.

»Wie geht es den beiden Oakley-Schwestern?«, erkundigte sich Meredith, nachdem Jan erzählt hatte, dass er durch Bamford gelaufen wäre und das Städtchen als zauberhaft empfunden hätte und dass er über das Land gelaufen wäre und die Landschaft wundervoll gefunden hätte – alles genau wie auf den Bildern, die er gesehen hatte.

»Oh, meinen Cousinen geht es sehr gut«, antwortete Jan prompt.

»Und wie Sie sich vorstellen können, sind die beiden hocherfreut, mich zu sehen.« Seine Worte kamen in einem so selbstgefälligen Ton, dass es Meredith für einen Augenblick die Sprache verschlug. Hatte er wirklich keine Ahnung, wie viel Stress er durch seine Anwesenheit und seine ungewöhnlichen Behauptungen verursachte?

»Es muss ein ziemlicher Schock für die beiden gewesen sein zu erfahren, dass sie einen Verwandten haben, von dem sie bislang nichts wussten, oder?«, fragte Meredith unschuldig. Jan räumte ein, dass die beiden Schwestern überrascht gewesen waren.

»Aber für mich war es auch eine Überraschung, als ich herausfand, dass es sie gab«, schloss er.

»Wie haben Sie es denn herausgefunden?«, erkundigte sich Markby freundlich. Jan blinzelte und starrte ihn mit unbeweglicher Miene an.

»Wie haben Sie herausgefunden, dass Ihre Cousinen existieren?«, wiederholte Markby seine Frage. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, wurde Jan aufs Neue lebhaft.

»Ein Freund aus Polen ist nach England gereist, um Urlaub zu machen. Ich habe ihm von dem Haus erzählt und alles, was ich aus den Geschichten wusste, die in unserer Familie erzählt wurden. Ich bat ihn, falls er in der Gegend wäre, solle er doch mal nachsehen. Ich wusste nicht, dass das Haus noch existiert, aber ich dachte, dass eine Chance besteht … Jedenfalls kam er zurück und berichtete, dass nicht nur das Haus noch stand, sondern sogar Familienmitglieder darin wohnten … Also schrieb ich einen Brief, und so nahm es seinen Lauf. Und jetzt wohnen wir alle ganz toll zusammen unter einem Dach!« Jan schien zufrieden mit seiner Schilderung. Er leerte sein Glas.

»Darf ich Sie beide zu einem Bier einladen?«

»Oh, nein danke«, lehnte Markby ab.

»Wir wollen gleich selbst einen Blick auf die Karte werfen. Bleiben Sie noch länger?«

»Im The Feathers?«, fragte Jan verwirrt.

»Nein, auf Fourways House«, antwortete Alan auf eine freundliche Weise, die Jan erröten ließ.

»Nun ja, ich bin eben erst angekommen, wissen Sie?«, brachte er hervor, und es klang zu Merediths Ärger sehr schüchtern. Juliet hatte Recht. Der Mann war ein Schauspieler. Merediths Mitgefühl für ihn verblasste.

»Ich kenne die Oakley-Schwestern, solange ich lebe«, erzählte Markby im Plauderton.

»Als ich noch ein kleiner Junge war, hat meine Mutter mich manchmal mit nach Fourways genommen, wenn sie dort zu Besuch war. Der alte Mr. Oakley, Edward, der Vater von Damaris und Florence, hat damals noch gelebt. Er saß in einem Rollstuhl. Ich fand das Haus ziemlich unheimlich, aber die beiden Frauen haben sich ganz lieb um mich gekümmert und meine Angst mehr als wettgemacht.« Jans Gesichtsausdruck verriet Vorsicht. Nun musterte er Alan auf die abschätzende Weise, die Meredith bereits aufgefallen war, als er sie im Zug über Bamford ausgefragt hatte.

»Das kann ich mir gut vorstellen«, sagte Oakley.

»Meine Cousinen sind sehr gastfreundlich.«

»Ich schätze, Sie müssen irgendwann wieder zurück zu Ihrer Arbeit in Polen, nicht wahr?«, fragte Markby.

»Meredith hat mir erzählt, Sie wären Tierarzt auf einem Gestüt?«

»Ja, ja. Veterinär.« Jan war unruhig geworden, und seine kräftigen, kleinen, braunen Hände strichen entlang der Tischkante hin und her.

»Und Sie, Alan? Arbeiten Sie auch in London wie Meredith?«

»Gütiger Gott, nein. Gott sei Dank nicht. Ich muss nicht jeden Tag mit dem Zug in die Großstadt und zurück. Ich arbeite hier in der Gegend, ziemlich in der Nähe. Beim Regionalen Hauptquartier der Polizei.« Jan erstarrte.

»Tatsächlich?«, fragte er.

»Und was machen Sie dort?« Seine Frage schien genauso reglos in der Luft zu hängen, bevor Alan antwortete.

»Ich bin Superintendent beim CID, beim Criminal Investigation Department«, antwortete Markby unbekümmert.

»Ein Kriminalpolizist, sozusagen.« Jan blinzelte langsam, was Meredith wie bereits im Zug an eine Großkatze erinnerte. Für einen Augenblick blieb er still sitzen, dann fasste er sich und stand auf.

»Nun, es war mir ein Vergnügen, Sie wiedergesehen zu haben, Meredith, und Sie kennen gelernt zu haben, Alan, aber Sie wollen sicher in Ruhe essen, und ich muss zurück nach Fourways House. Meine Cousinen fragen sich wahrscheinlich schon, wo ich bleibe!« Er schob sich hinter dem Tisch hervor und lächelte mit blitzendem Goldzahn.

»Ich empfehle die Pastete und Pommes frites.« Rasch verließ er das Pub.

»Wie gehabt«, sagte Markby nachdenklich.

»Das passiert immer wieder, wenn die Leute erfahren, dass ich Polizist bin.«

»Du hast ihm einen Warnschuss vor den Bug gesetzt«, sagte Meredith zufrieden.

»Und du hast ihm Angst gemacht. Er sah von vorn bis hinten schuldig aus, als er gegangen ist. Jetzt weiß er, dass du die Oakleys kennst und dass du dich für ihr Wohlergehen interessierst. Was hältst du von Jan Oakley?« Alan dachte nach, bevor er antwortete.

»Ich fand ihn eigentlich ein wenig erbärmlich.«

»Du solltest kein Mitleid für ihn empfinden«, drängte Meredith und vergaß völlig, dass sie noch Augenblicke zuvor die gleichen Gefühle gehabt hatte und ihr Unwohlsein angesichts der Rolle, die sie gespielt hatte.

»Es ist ein Trick von ihm. Ich bin auch eine Weile darauf hereingefallen. Juliet nicht.«

»Ich habe nicht gesagt, dass er mir Leid tut«, entgegnete Markby und schüttelte den Kopf, dass seine blonden Haare ihm wie üblich bei dieser Bewegung in die Stirn fielen.

»Ich bin Polizist, du erinnerst dich? Mein Gefühl von Mitleid beschränkt sich strikt auf jene, von denen ich ganz genau weiß, dass sie es verdienen, und mir scheint, das sind immer weniger Leute. Möchtest du meine ehrliche Meinung hören? Ich stimme mit dir und Juliet überein. Er ist ganz bestimmt ein Schauspieler und vielleicht tatsächlich ein Trickbetrüger. Doch das ist nicht bewiesen.« Ohne auf eine Antwort seitens Meredith zu warten, fügte er hinzu:

»Er ist kein Tierarzt, darauf würde ich meinen letzten Penny verwetten. Ich würde sagen, er arbeitet im Freien und mit Tieren. Ein Stallbursche vielleicht, auf dem Gestüt, von dem er dir erzählt hat? Aber definitiv kein Akademiker, kein Tierarzt.«

»Also hältst du ihn für einen Lügner?«, hakte Meredith nach.

»Ich denke, dass er – zumindest was seinen Beruf angeht – gelogen hat, ja. Ich nehme an, er sagt die Wahrheit, wenn er behauptet, ein Oakley zu sein.«

»Und warum hat er gelogen, was seine Arbeit angeht?«, fragte Meredith. Alan bedachte sie mit einem toleranten Blick.

»Ach, komm schon. Junge Männer lügen aus allen möglichen Gründen. In seinem Fall wahrscheinlich, um sein Image aufzupolieren und eine schöne Frau zu beeindrucken, die er in einem Zug kennen gelernt hat. Schön, es ist albern, aber es ist auch verständlich. Sieh es doch von seinem Standpunkt aus. Er kommt aus dem Nichts nach England, kennt keine Menschenseele. Er will einer attraktiven Frau imponieren. Er mag ein Dieb und ein Nassauer sein, doch er will nicht aussehen wie einer. Das ist menschlich.«

»Denkst du über alle Gauner so, mit denen du zu tun hast?« Merediths haselnussbraune Augen funkelten ihn indigniert an.

»Selbstverständlich nicht! Allerdings begegne ich einer ganzen Menge Gaunern, einige von ihnen sind absolute Halunken, andere erbärmliche kleine Wichte. Falls Jan ein Gauner ist – und das ist noch lange nicht bewiesen – dann gehört er jedenfalls zur zweiten Kategorie.«

»Er ist ein Ganove«, beharrte Meredith.

»Er versucht, Geld aus seinen Cousinen zu pressen.«

»Ja-ja.« Alan blickte nachdenklich drein.

»Vielleicht hat er einfach die Situation nicht begriffen. Er kommt aus Polen, wo er wahrscheinlich in einer winzigen Mietwohnung lebt, wie ich zu behaupten wage. Die Oakley-Schwestern leben in einem Herrenhaus auf einem riesigen Grundstück, nur die beiden ganz allein. In seinen Augen bedeutet das, sie sind reich. Mehr noch, sie gehören zu seiner Familie. Warum sollten sie einem armen Verwandten nicht helfen? Versuch es mit seinen Augen zu sehen.«

»Das Haus ist völlig heruntergekommen und droht zu verfallen«, entgegnete Meredith.

»Wenn er das nicht sehen kann, ist er blind. Damaris und Florence tragen alte Kleidung und ernähren sich von Sandwichs.«

»Dann sind sie eben reich und exzentrisch. Es muss schwierig sein, sich ihre genauen Lebensverhältnisse vorzustellen. Vornehme Armut liegt außerhalb dessen, was er kennt. Was dieses angebliche Testament seines Urgroßvaters angeht, so hat er sich vielleicht eingeredet, dass er ein Recht auf einen Anteil am mutmaßlichen Reichtum der Oakleys hat. Er mag einem Tagtraum nachgehangen haben, ein englischer Gentleman mit einem großen Landhaus zu sein – du kennst doch diese Sorte.«

»Nun, dann sollten wir ihn besser aus diesem Traum aufwecken, und zwar ziemlich schnell. Ich rede noch mal mit Juliet.« Eine Stimme über ihren Köpfen unterbrach sie.

»Das ist ein schleimiger kleiner Mistkerl, jawohl«, sagte die Stimme böse. Verblüfft sahen sie auf. Eine große Frau mit weißblonden Haaren in einem orangefarbenen Pullover, der übersät war mit goldenen Sternen, war wie aus dem Nichts aufgetaucht. Sie stand in ihrer üppigen Erhabenheit über ihnen, die Hände in die Hüften gestemmt, und wartete. Als sie sah, dass sie Markbys und Merediths Interesse geweckt hatte, fuhr sie fort:

»Ich bin die Wirtin hier, Dolores Forbes. Und Sie«, sagte sie an Markby gerichtet,»Sie sind Superintendent Markby. Ich kenne Sie.«

»Ja, ja, die Leute kennen mich«, sagte Markby resigniert.

»Ich hab Ihr Bild in der Zeitung gesehen«, informierte Dolores ihn.

»Und im Fernsehen waren Sie auch, in den Lokalnachrichten. Ich hab ein gutes Gedächtnis für Gesichter. Ich vergesse nie das Gesicht von einem, der Scherereien gemacht hat.« Bevor Markby sich erkundigen konnte, welche Art von Scherereien er Dolores Forbes denn unbeabsichtigt gemacht hätte, deutete die Wirtin auf ein Schild über der Theke.

»Sehen Sie das? Hausverbot in einem Pub – Hausverbot in allen. Sämtliche Pubs in dieser Gegend arbeiten nach diesem Prinzip. Ich hatte noch nie Schwierigkeiten in meinem Lokal. Sobald ich einen von diesen jungen Hooligans hereinkommen sehe, schicke ich ihn mit Sack und Pack zurück auf die Straße, und dann telefoniere ich rum und informiere die anderen Pubs in der Gegend. Diese kleinen Mistkerle haben keine Chance.«

»Kann ich mir gut vorstellen«, sagte Markby respektvoll.

»Ich bin froh, das zu hören.« Dolores beugte sich vor, ein alarmierendes Manöver, bei welchem ihr großer Busen sein Gravitationszentrum verlagerte und drohte, sie der Länge nach quer über den Tisch zwischen Markby und Meredith fallen zu lassen.

»Miss Oakley«, sagte sie in einem Tonfall, den sie wahrscheinlich für ein vertrauliches Flüstern hielt,»Miss Oakley war hier und hat mich gebeten, ihn zu verköstigen, diesen Burschen. Er ist wohl eine Art Verwandter oder so. Ist einfach aus dem Nichts aufgetaucht wie ein falscher Fuffziger. Meiner Meinung nach kann er gerne wieder dahin verschwinden, wo er hergekommen ist. Wie ich schon sagte, ich habe einen sechsten Sinn für Kerle, die Schwierigkeiten machen, und er ist so einer!« Nachdem sie diese Feststellung von sich gegeben hatte, richtete sie sich zur großen Erleichterung ihrer beiden Zuhörer wieder auf und fragte in freundlichem Ton:

»Möchten Sie die Speisekarte sehen?« Sie nahm Jans leer gegessenen Teller und räumte ab. Augenblicke später wurden zwei Speisekarten vor ihnen auf den Tisch geworfen. Meredith blickte sich im Lokal um, das sich in der Zwischenzeit ein wenig mehr gefüllt hatte, ohne dass die Stimmung besser geworden wäre. Sie hatte das Gefühl, als duckten sich die Gäste förmlich. Dolores verstand keinen Spaß, so viel stand fest, und sie schien auch keinen Sinn für Ausgelassenheit und fröhliche Gäste zu besitzen.

»Möchtest du wirklich hier essen? Können wir nicht woanders hin?«, fragte Meredith leise mit einem verstohlenen Blick auf die üppige Gestalt der Wirtin hinter dem Tresen, die gerade einem anderen glücklosen Gast ihre entschiedene Meinung über irgendetwas verkündete.

»Nein, nicht wirklich – aber wie kommen wir hier weg? Sie wird es bemerken.« Markby verzog das Gesicht.

»Sie wird uns als Abtrünnige brandmarken.«

»Wir könnten jetzt rausschleichen – sieh nur, sie ist in die Küche gegangen.«

»Schnell, bevor sie zurückkommt!« Sie hasteten aus dem Pub wie zwei Kinder, die wissen, dass sie etwas angestellt haben, für das sie später noch Ärger bekommen würden.

»Aha!«, kam Juliets Stimme zornig durch den Hörer.

»Es tut mir Leid, dass Alan diese Haltung einnimmt, und ich muss gestehen, ich bin überrascht. Ich hätte erwartet, dass er Jan sagt, er soll sich trollen.«

»Alan hat alles getan, was in seiner Macht steht – er hat ihm gezeigt, dass ihm die Oakleys nicht gleichgültig und dass sie alte Freunde sind. Jan weiß jetzt, dass Alan bei der Polizei ist. Das dürfte ihn nicht kalt lassen«, verteidigte Meredith Alans Position.

Von der anderen Seite der Leitung kam ein Schnauben.

»Nun ja. Wenn Alan nichts unternehmen will, dann liegt es an Ihnen und an mir.«

»Wieso an mir?«, fragte Meredith verblüfft.

»Ich habe meinen Teil getan.« Doch so einfach ließ man sie nicht davonkommen.

»Und jetzt können Sie noch einen Teil mehr tun. Hören Sie, Jan hält große Stücke auf Sie. Er redet ununterbrochen von Ihnen. Er nennt Sie die erste freundliche Person, der er in England begegnet ist. Glauben Sie mir, Sie haben großen Eindruck auf ihn gemacht! Er wird auf nichts von dem hören, was ich ihm zu sagen habe, weil er weiß, dass ich geschäftlich mit den Oakley-Schwestern verbunden bin. Ich habe ein Interesse am Verkauf von Fourways House. Er hat mir mehr oder weniger deutlich zu verstehen gegeben, dass er denkt, ich würde versuchen, mich in alles einzumischen, was er mit seinen Cousinen aushandelt. Dieser kleine, schmutzige Mistkerl! Er beurteilt mich, als wäre ich seinesgleichen! Sie hingegen, Meredith, Sie haben keine Geschäftsinteressen bei den Oakleys. Ich möchte, dass Sie mit ihm reden, wenn Alan nicht zugegen ist. Sie sind die einzige Person, auf die Jan Oakley vielleicht hört.«

»O nein!«, entgegnete Meredith heftig.

»Ich will nichts mit ihm zu tun haben! Alan wird schon etwas einfallen, geben Sie ihm Zeit!«

»Wir haben aber nicht die Zeit, bis Alan etwas eingefallen ist! Sie müssen helfen, Meredith. Wir müssen List mit List bekämpfen! Bitte, lehnen Sie nicht ab! Bitten Sie ihn zu einem Gespräch und überzeugen Sie ihn, dass er seine Ansprüche fallen lässt!«

»Sie überschätzen meine Überzeugungskraft, Juliet!«

»Unsinn! Er respektiert Sie. Sie sind wahrscheinlich die einzige Person, die er respektiert. Er möchte, dass Sie gut von ihm denken. Außerdem sind Sie Berufsdiplomatin, Meredith. Ich dachte eigentlich, das sollte ein Kinderspiel für Sie sein!«

»Ich bin – ich war – Konsularbeamtin. Ich habe mich mit verlorenen Pässen beschäftigt und mit britischen Staatsbürgern, die in die verschiedensten Schwierigkeiten gekommen sind. Ich musste mehrfach in ausländische Gefängnisse, um eingesperrte Briten zu besuchen, aber das war auch schon alles. Ich habe nie ernsthafte diplomatische Verhandlungen geführt.«

»Klingt in meinen Ohren nach einer ausgezeichneten Basis, Meredith«, sagte Juliet.

»Kommen Sie, geben Sie sich einen Ruck. Lassen Sie uns nicht im Stich.« Meredith überlegte, dass es schwierig war, eine so inständig vorgetragene Bitte abzulehnen, was sie noch missmutiger machte.

»Und wann soll ich das bitte schön machen? Ich arbeite die ganze Woche in London.«

»Dann eben am Samstag.«

»Das ist nicht so einfach gesagt wie getan. Ich wohne mit Alan zusammen und nicht alleine.« Meredith stockte. Viele Dinge waren nicht mehr so einfach, nun, da sie unter einem Dach mit Alan wohnte. Sie musste sich arrangieren und auf eine Weise Rechenschaft ablegen, wie sie es noch nie zuvor getan hatte.

»Meredith? Sind Sie noch dran? Sie sagen gar nichts mehr«, kam Juliets Stimme aus dem Hörer.

»Ja, ich bin noch da. Mir ist nur eben eingefallen, dass Alan am Samstagnachmittag zusammen mit Paul, seinem Schwager, zu einem Fußballspiel geht. Also schön, einverstanden, es ist zwar verrückt, aber ich werde Jan einen Brief schreiben und ihn bitten vorbeizuschauen, falls er Zeit hat. Aber ich habe wirklich ein sehr ungutes Gefühl bei dieser Sache, Juliet.«

»Ich nicht«, antwortete Merediths Bekannte.

»Ich verlasse mich auf Sie.« Juliet Painter legte auf, bevor Meredith es sich noch einmal anders überlegen konnte.